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Unsere Seen: Gemeingebrauch statt Wasserraub!

Ostufer Millstätter See mit Aussicht nach Millstätt und in die Nockberge, Kärnten

Millstättersee Kärnten (Foto: Wikimedia Commons)

Sabine Wallinger Sabine Wallinger
in Gastbeiträge, Kärnten, Salzburg
Lesezeit:6 Minuten
28. August 2024
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Das Wasser blitzt blau durch dichte Hecken, doch der Zugang zum See ist versperrt. Das ist Alltag an vielen österreichischen Seen. Ganze Uferseiten sind privatisiert und abgeriegelt. Höchste Zeit, dagegen anzugehen, anzuschwimmen, anzukämpfen!

Seen, Ufer, Küsten, Quellen, Flüsse, Wälder, Berge, Feld und Flur. All das ist Gemeingut, dessen Nutzung uns zusteht:  Wir alle „besitzen“ im eigenen Land Erholungsraum, sei es im Wald, auf dem Gipfel oder im See, genauso wie alle, die aus anderen Ländern anreisen, um mal auch ohne Aufpreis Erholung aus öffentlichem Raum zu schöpfen. Die Gewässer dieser Welt, aus denen wir trinken, die wir beschwimmen und bereisen, werden vom globalen Regen gespeist.

So auch die österreichischen Seen, um die es hier gehen soll. Abgesehen von den Tiroler Seen kenne ich aus näherer Anschauung die Ufergestaltung des Mattsees, Obertrumer Sees, Grundlsees, Ossiacher Sees, Attersees und Wörthersees. Und ja, fast hätte ich’s vergessen, natürlich des Vorarlberger Bodensees, aber der ist aufgrund des freien Zutritts hier keiner Erwähnung wert. Er und seine Ufer gehören „allen“ und sind, zumindest im österreichischen Abschnitt, öffentlich begeh- wie beschwimmbar. Freier Zugang für jede und jeden.

Doch auch die anderen österreichischen Seen, zu denen wir Zutritt haben – und das sind die meisten, egal ob in Landes-, Bundes-, Privatbesitz oder im Eigentum der Österreichischen Bundesforste – unterliegen dem Anspruch auf Gemeingebrauch. Das heißt, wir alle können den See betreten, darin baden und ihn auch mit einem Stand-Up-Paddle befahren.

Der Gemeingebrauch ist ein höheres Gut als der Schutz der Privatsphäre, welche wiederum von Seegrundstücks-Eigentümern mit Zähnen und Zäunen verteidigt wird.

Der Auftrag an die Politik lautet, den Gemeingebrauch – unter Wahrung des Naturschutzes – durchzusetzen, gegenüber Partikularanliegen, die den Anspruch der Mehrheitseigentümer (das sind wir alle) auf Schwimmen im eigenen See und Begehen seiner Ufer blockieren.

Das Beispiel Kärnten lehrt uns, dass sich das Verscherbeln von Familiensilber nur für Langfinger rechnet: Österreichs südlichstes Bundesland Kärnten wäre unendlich reich an immateriellem Gemeingut: wunderschöne Seen in mildem Klima vor prächtiger Bergkulisse, viel reicher an touristischer Ressource als andere Bundesländer. Trotzdem ging ausgerechnet das reiche Kärnten im Jahr 2015 bankrott, nachdem sich die Insolvenz schon seit 2008 abgezeichnet hatte. Kein Bärental, keine Strandvilla wurde zum Ausgleich enteignet, kein Meter Seezugang eröffnet. Stattdessen mussten wir alle dieses Novum eines Bundesland-Bankrotts mit Unsummen auffangen, sonst hätte ab 2016 nicht einmal mehr ärztliches, pflegendes oder lehrendes Landespersonal seinen verdienten Lohn ausbezahlt bekommen.

freier Seezugang für alle
Ein großer Teil der Seezugänge in Österreich ist privat

Grundlsee: Palisaden gegen Spaziergänger

Der Grundlsee im Ausseer Land, ein tiefgrünes Naturjuwel, bietet viele öffentliche Badeplätze, dank dem Himmel. Dennoch: Wer auf der Südseite einen Rundgang starten will, muss zunächst hinter dem weitläufigen Privatgelände der Seevilla Castiglioni, derzeit im Besitz eines deutschen Autohändlers, einen langen und steilen Anstieg übers Hinterland in Kauf nehmen. Keine Rede von Seezugang. Besonders provokant ist, dass den Spaziergängern nicht nur das Schwimmen, sondern sogar die Sicht auf den See verwehrt bleibt: Ein blickdichter, mannshoher Lattenzaun verläuft am Wegrand, Hunderte Meter lang. Nicht etwa, dass es um Sichtschutz für intimes privates Badegeschehen ginge: Wald, Gestrüpp, Wiesen, allesamt menschenleer, sind blickdicht abgeschirmt und werden durch die Palisaden vor fremden Blicken geschützt. Darunter ahnt man den tiefgrünen See, so man durch die Ritzen späht. Oder Google Maps aktiviert.

Ossiacher See: Bellevue für SUV

Durch glückliche Umstände bin ich in eine private Wohnanlage am nördlichen Seeufer des Ossiacher Sees eingeladen, abgetrennt durch Schranken, ansonsten wäre das Ufer theoretisch fußläufig zugänglich. Ich begebe mich auf einen Seerundgang, da mir mein Handy einen „Uferweg“ verspricht. Ein direkter Zugang von Liegenschaft zu Liegenschaft dem Ufer entlang bleibt mir durch Brennnesseln und Stacheldraht verwehrt, also folge ich dem ausgeschilderten Wander- und Radweg. Was ich dort erlebe, verdient höchstens den Ausdruck Frotzelei: Eingeklemmt zwischen Bahn, Straße und Schallschutzmauer ist mir kilometerlang kein Blick auf den See vergönnt, denn zum See hin versperren Thujenhecken, Lattenroste und Gabionen die Aussicht. Jeder SUV, der neben den schmucken Seevillen unter Dach geparkt ist, genießt, hocherhaben, den Seeblick und senkt beeindruckt die Scheinwerfer, ich darf es nicht. Nicht einmal durch kettenverhangene Carports wage ich mich an den Luxuskarossen vorbeizudrücken, um wenigstens einen kurzen Blick auf den Ossiacher See zu erhaschen, gewiss würde sofort Alarmgejaule ertönen.

Obertrumer See: Private Holzinseln im See

Nach einer ausgiebigen Schwimmrunde im Obertrumer See, von meiner Privatpension aus, lande ich an einer festverankerten Holzplattform, klettere dank bequemer Eisenleiter auf die Planken und lasse mich von der Sonne bescheinen. Herzlichen Dank dem Erbauer. Den aufgepinselten Schriftzug PRIVAT ignoriere ich, denn das Ding schaukelt fernab vom Ufer im tiefen Seewasser, das meiner Berechnung nach nicht aus privater Wasserleitung gespeist wird.

Von der zugehörigen Strandvilla aus werde ich, als pitschnasse Vertreterin des gemeinen Volkes, missmutig beäugt, nein, so provokant angestarrt, bis ich mir kurz überlege, zum villeneigenen „privaten“ Landesteg, der ebenfalls tief in den See führt, zu schwimmen und mich dort trotzig der Sonne hinzugeben.

Erholungsbedürftig, wie ich es bin, lasse ich es bleiben. Kein Anrainer wagt es, mich von meiner Holzinsel mit dem Ruf „Besitzstörung!“ zu verscheuchen, das wäre dann doch zu dreist. Nach einer Weile ziehe ich schwimmend wieder ab. Dennoch: Es schaukeln unzählige solch „privater“, mit Ketten, Fässern und Betonfundamenten fix verankerter Plattformen in den österreichischen Seen. Warum schreitet hier keine Behörde ein? Darf ich auf dem Wiener Stephansplatz meine Couch aufstellen und auf Eigentumsrecht pochen?

Mattsee: Kampf um den Uferweg

Der Kampf um einen Mattseer Ufer-Rundweg ist legendär, sein Betreiber Hannes Maringer ist vor einiger Zeit verstorben. Seit dessen Tod werden die ufernahen Wegabschnitte, die der mutige Mann in den Siebzigerjahren für die Öffentlichkeit erstritten hatte, durch Privateigentümer, die viele Jahre lang den öffentlichen Durchmarsch zwischen ihrer Terrasse und „ihrem“ Ufer erdulden mussten, wieder abgezäunt. Der Mattseer Bürgermeister, Michael Schwarzmayr, verfolgt die Entwicklung weg vom Gemeingebrauch hin zu einer Reprivatisierung des Erholungsraumes See samt Ufer mit Sorge. Eigentlich verbietet das Schutzgebiet Trumer Seen die ufernahe Errichtung von Zäunen, Stegen und Hecken, wie sie von den zahllosen „Hüttendörfern“ weitflächig praktiziert wird, aber hartnäckiger Kleinhäusler-Tropfen höhlt soliden Naturschutz-Stein. Die Bewahrung des wertvollen Schilfgürtels, wo Fische wie Amphibien laichen und Seevögel brüten, wird hierorts nur geltend gemacht, solange er nicht den privaten Seezugang behindert, für den zwecks Eigengebrauch breite Schilf-Schneisen ausgefräst werden. Das gemeine Volk schaut durch die Finger auf den See, darf aber nicht hinein.

Wörthersee: Seejuwelen Marke Living Deluxe

Das südösterreichische Aushängeschild Wörthersee gehört wie viele andere Seen den Bundesforsten. Dies gilt nur für die blanke „Seewanne“, sozusagen das rund 20 km² große türkisblaue Wasserbecken. Am Wannenrand darf das gemeine Volk weder Gummiente noch Handtuch platzieren, egal, denn es kommt eh nicht rein, denn um in seiner Wanne zu planschen, müsste es schon mit dem Fallschirm abspringen. Und selbst dann wird ihm der Scheitel von einem privaten Motorboot nachgezogen. Wie kam es dazu?  Kärntens Seen- und Finanzlandschaft unterlag lange Jahre dem Zugriff von Jörg Haiders flinken Fingern und Partei-Kumpanen. Blöd nur, dass sich seine brave Wählerschaft davon nichts kaufen konnte. Ab und an hatten die Kärntnerinnen und Kärntner freihändig verteilte Hunderter von ihrem Landesfürsten empfangen, davon aber keinen Zentimeter Seezugang ihres Alpenmeer-Ufers erworben. Die Staatskünstler Scheuba, Resetarits, Maurer und Palfrader durften das am eigenen Leib erfahren, als sie für ihren Versuch, am Steg der Seevilla Karl-Heinz Grassers vor Anker zu gehen, mit gerichtlichen Schritten bedroht wurden. Nur Auserwählte, ob mit Fußfessel oder ohne, baden privat im Wörthersee.

Wer sich in seinem Wasser einfach nur abkühlen will, muss laut Immobilienwerbung erst ein Seejuwel oder eine Traumvilla Marke Living Deluxe erstehen.

Die ehemalige Grasser-Meinl-Villa steht nicht mehr zum Verkauf, doch sind auch die anderen angepriesenen See-Objekte nicht wirklich billig. Da ist ein Ticket fürs Klagenfurter Strandbad doch erschwinglicher. Wasser bleibt Wasser, nur Ufer ist halt nicht gleich Ufer. Nun wird Kärnten seit über zehn Jahre sozialdemokratisch regiert. SPÖ-Landeshauptmann Peter Kaiser hat die freien Seezugänge zu seinem persönlichen Steckenpferd gemacht. Seither versucht das Land Kärnten, sofern es die Gesetzeslage erlaubt, Uferabschnitte für die Allgemeinheit zu öffnen. Am bereits stark verbauten Wörthersee ist das zugegebenermaßen nur noch bei kleinen Uferstreifen möglich, anders schaut’s zum Beispiel in Seeboden aus. Am Ufer des Millstättersees kann man sich jetzt in einem ganzen Park sonnen und baden gehen. Und vom Aussichtsturm Pyramidenkogel aus darf man sich um 17 Euro Eintrittspreis aus der Vogelperspektive anschauen, wie schön die Kärntner Seenlandschaft eigentlich wäre. Leider führt die megacoole Rutsche nicht ins Wasser.

Zu wenig Seezugang für die Allgemeinheit: Die meisten Ufer österreichischer Seen noch immer in privater Hand

Parlament Das Thema "Seezugänge" im Parlament

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    Bezos, Gates, Altman: Diese Milliardäre wollen mit Trumps Grönland-Plänen noch reicher werden

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Der niederländische Historiker Rutger Bregman wurde 2019 einem neuen Publikum bekannt, als er beim Wirtschaftsgipfel in Davos kritisiert hat, dass man dort nicht genug über Steuern und Gerechtigkeit spricht. Der Auftritt wurde zu seinem Markenzeichen. Nun hat er in einer Talkshow den norwegischen Milliardär zur Rede gestellt, warum der sein Vermögen nicht besser für die Gemeinschaft nutzt. Bregman findet: Wer enormen Reichtum hat, soll diesen auch nutzen, um die Welt besser zu machen. Er fordert mehr moralische Ambition. Zitat: Ich fordere nicht, dass wohlhabende Menschen ihre Strandhäuser, Luxusautos oder Rolex-Uhren aufgeben. Ich fordere sie auf, zukünftige Historiker stolz zu machen. Die Geschichte erinnert sich nicht an Anlageportfolios. Sie erinnert sich an jene, die alles auf eine Karte gesetzt haben - die ihre Ressourcen, ihre Karrieren und ihren Ruf genutzt haben, um für etwas zu kämpfen, das größer ist als sie selbst. Rutger Bregman
Der niederländische Historiker Rutger Bregman wurde 2019 einem neuen Publikum bekannt, als er beim Wirtschaftsgipfel in Davos kritisiert hat, dass man dort nicht genug über Steuern und Gerechtigkeit spricht. Der Auftritt wurde zu seinem Markenzeichen. Nun hat er in einer Talkshow den norwegischen Milliardär zur Rede gestellt, warum der sein Vermögen nicht besser für die Gemeinschaft nutzt. Bregman findet: Wer enormen Reichtum hat, soll diesen auch nutzen, um die Welt besser zu machen. Er fordert mehr moralische Ambition. Zitat: Ich fordere nicht, dass wohlhabende Menschen ihre Strandhäuser, Luxusautos oder Rolex-Uhren aufgeben. Ich fordere sie auf, zukünftige Historiker stolz zu machen. Die Geschichte erinnert sich nicht an Anlageportfolios. Sie erinnert sich an jene, die alles auf eine Karte gesetzt haben - die ihre Ressourcen, ihre Karrieren und ihren Ruf genutzt haben, um für etwas zu kämpfen, das größer ist als sie selbst. Rutger Bregman

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