Ein eigenes Auto – auf dem Land oft ein Muss. Zu weit sind die Wege, zu selten fährt der Bus. Aber geht es auch ohne? Ja, zeigt eine idyllische Gemeinde in Bayern: In Amerang teilen sich 22 Haushalte drei Autos. Was als Notlösung begann, ist heute ein Vorzeigemodell für gelebte Nachbarschaft und klimafreundliche Mobilität. Auch in Ländern wie Frankreich, Kanada und den Niederlanden verändern Carsharing-Projekte das Landleben positiv.
Vom Experiment zur Erfolgsgeschichte
2006 zog Tilo Teply mit seiner sechsköpfigen Familie aus München nach Amerang – ein kleines Dorf in Oberbayern mit nicht mal 4.000 Einwohner:innen. Der Ort liegt 25 Kilometer von Rosenheim entfernt. Es ist ohne Bahnanschluss und hat ein Busnetz, das am Wochenende oft stillsteht. Ein Auto zu besitzen schien alternativlos. „Zu Beginn haben wir die Pkw unserer Verwandten ausgeliehen“, erzählt Teply gegenüber dem deutschen Nachhaltigkeits-Magazin Utopia. Doch das war keine Dauerlösung – also schafften sie selbst ein Auto an, das sie mit Nachbar:innen teilten.
Ohne eigenes Auto ist man am Land eingeschränkt. Deswegen suchten Teply und seine Familie nach einer Lösung, die den Alltag erleichtert und trotzdem nachhaltig ist. Dann kam der Impuls: Bei einer lokalen Konferenz stellte ein benachbarter Carsharing-Verein sein System vor. Der Funke sprang über. Gemeinsam mit fünf weiteren Haushalten gründete Teply die Ameranger Autogemeinschaft (AmAG). Heute betreibt die AmAG drei Fahrzeuge, einen Autoanhänger und bietet eine Alternative für alle, die auf ein eigenes Auto verzichten möchten.

Klare Regeln, gelebte Gemeinschaft: So funktioniert die AmAG in Amerang
Die AmAG hat klare Regeln, die eine einfache Nutzung für alle ermöglichen:
- Man bezahlt eine einmalige Einlage von 450 Euro, die beim Austritt zurückerstattet wird.
- Es gibt einen monatlichen Beitrag von fünf Euro plus nutzungsabhängiger Tarife.
- Die Buchung ist per Online-System oder telefonisch möglich.
- Unterstützung erhält die AmAG durch eine örtliche Kfz-Werkstatt für Wartung und Reparaturen.
Sogar die Gemeinde selbst ist Teil der Autogemeinschaft und nutzt die Fahrzeuge für Dienstfahrten – ein Zeichen dafür, wie eng hier Kommune und Bürger:innen zusammenarbeiten.
Weniger Autos heißt auch mehr Platz im Ortszentrum
Das System schafft nicht nur Platz im Ortskern, weil weniger Autos herumstehen – es bringt auch Menschen zusammen, die sonst kaum Berührungspunkte hätten: Idealist:innen, die bewusst auf ein eigenes Auto verzichten. Junge Erwachsene, für die ein Fahrzeug finanziell nicht infrage kommt. Ältere Menschen, die kein Auto mehr brauchen, aber mobil bleiben wollen. Wenn Fahrten angekündigt werden, schließen sich oft spontan andere an. So entstehen Fahrgemeinschaften. Tilo Teply bringt es auf den Punkt: „Man muss sich ein bisschen engagieren und arrangieren. Carsharing fördert auf jeden Fall die sozialen Kompetenzen.“ Was er sich für die Zukunft wünscht? Einen Carport für die AmAG – damit ältere Mitglieder im Winter weniger kratzen müssen.
Von Bayern bis Kanada: Carsharing am Land verbreitet sich weltweit
Auch in anderen Ländern gibt es erfolgreiche Konzepte, die zeigen, dass Fahrzeuge auch außerhalb von Großstädten gemeinschaftlich genutzt werden können:
- Frankreich: In der französischen Region Ardèche gibt es ein Projekt, das ähnlich wie in Amerang funktioniert. Statt eigene Autos zu besitzen, nutzen die Bewohner:innen gemeinsam Elektrofahrzeuge, die über ein zentrales Buchungssystem reserviert werden können.
- Niederlande: In den Niederlanden setzt die Initiative „OnzeAuto“ auf gemeinschaftlich genutzte Elektrofahrzeuge, die von Nachbarschaften selbst organisiert werden. Anstatt für kommerzielle Carsharing-Anbieter zu zahlen, schließen sich Bewohner:innen zusammen und verwalten die Fahrzeuge eigenständig – von der Buchung bis zur Wartung. Diese lokale Verankerung sorgt nicht nur für eine bessere Akzeptanz, sondern stärkt auch den sozialen Zusammenhalt.
- Kanada: In Kanada zeigt das Carsharing-Unternehmen „Modo“, dass gemeinschaftlich genutzte Fahrzeuge nicht nur in Städten funktionieren. Der Anbieter hat sein Netzwerk auf 25 Gemeinden in British Columbia ausgeweitet und deckt damit sowohl städtische als auch ländliche Regionen ab. Besonders interessant: Als Genossenschaft sind die Mitglieder gleichzeitig Eigentümer:innen des Unternehmens, was das Gemeinschaftsgefühl und die Verantwortung stärkt.
Allen gemein ist die Nähe zu den Mitmenschen vor Ort. Kein anonymer Anbieter, sondern gemeinschaftliche Verantwortung.
Sie können maximal 7 Forderungen auswählen und ihre Abstimmung im Nachhinein ändern.