Interview

‚Die Diskriminierung von Deutschen in Österreich finde ich ‚Sch*****‘ – Claudia Kottal im Interview

Dass Claudia Kottal als „exotisch“ beschrieben wird, findet die Schauspielerin schwierig. Gleichberechtigung ist ihr ein großes Anliegen und es erschreckt sie, wie viele Frauen sich nicht als Feministinnen sehen wollen. Die Diskriminierung der Deutschen in Österreich findet sie „Scheiße“ und wir sollen nur noch einmal im Leben in die Karibik fliegen, wenn überhaupt. Claudia Kottal im Interview.

Claudia Kottal, warum machst du eigentlich Kunst, was ist deine Motivation für diese Arbeit?

Claudia Kottal: Ich will Empathie erzeugen. Für alle Menschen. Ich bin ein Scheidungskind. Da wächst du schon mit Fragen auf wie ‘Warum versteht er sie nicht? Warum versteht sie ihn nicht? Warum könnt ihr nicht reden miteinander? Warum ist soviel Unverständnis da?’
Als Schauspielerin kann ich in jeder Figur zeigen, so böse sie auch sein mag, dass es ein Mensch ist. Ein Mensch, der auch seine Bedürfnisse und Ängste hat.

In den Cop Stories spielst du die Bezirksinspektorin Leila Mikulov. Das ist ja nicht deine einzige migrantische Rolle, richtig?

Claudia Kottal: Dass ich für migrantische Rollen gecastet werde, liegt daran, dass mir oft gesagt wird, dass ich exotisch aussehe, was ich ja nicht so empfinde. Wenn wir darüber reden, was Kunst und Kultur in der Gesellschaft bewirken können, dann muss man sich natürlich fragen, wie weit Kunst den Horizont erweitern kann oder ein Spiegel der Gesellschaft ist. Wenn man jetzt hergeht und sagt: „Du hast zu dunkle gelockte Haare, nehmen wir lieber eine Brünette“, sodass die österreichischen Zuschauer nicht zu irritiert sind – na super.

Claudia Kottal - Foto: Kottal

Claudia Kottal – Foto: Kottal

Dann wird in der Kunst und Kultur genauso diskriminiert und es ist sehr schade, dass man da oft so feige ist. Da rede ich jetzt aber nicht von mir. Ich bin glücklich mit meiner Karriere und dankbar für die Rollen, die ich spielen darf. Aber ich bemerke, dass das vielerorts und bei vielen Kolleginnen ein Thema ist.

Was ich übrigens auch persönlich Scheiße finde, ist die Diskriminierung von Deutschen in Österreich. Und natürlich auch umgekehrt von Österreichern in Deutschland.

Das ist einfach so dumm. Es gibt die Quoten-Deutsche, aber nur wenn sie unsympathisch und deppert ist. Die darf mitspielen in einer Serie, sonst nicht. Außer man ist Caroline Peters (deutsche Schauspielerin und Mitglied des Burgtheater-Ensembles). Dann geht’s. Aber sonst sind die Deutschen alle deppert. Ich werde oft von deutschen Kolleginnen gefragt „Warum hassen uns die ÖsterreicherInnen so?“

Was ich mich ja frage … warum diskriminieren wir überhaupt?

Weil wir uns klein fühlen und das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Wenn man unter Druck ist und das Gefühl hat, nicht gehört zu werden, beginnt man auf irgendwen einzuhacken und wütend zu werden.
Das merkt man auch bei den aktuellen Corona-Protesten. Ich habe Angst vor einem Rechtsruck, der durch diese Corona-Proteste passiert.
Das ist wirklich beängstigend. Da passiert genau das: Da sind Leute unter Druck, weil sie kein Geld verdienen. Die sind eine willkommene Gruppe für rechtes Gedankengut.

Ein Teil deiner Familie stammt aus Polen. Wie war oder ist das für euch in Österreich?

Claudia Kottal: Natürlich waren auch wir von vorneherein konfrontiert mit Diskriminierungen. Meine Mama wurde sehr stark diskriminiert in Fischamend, wo ich aufgewachsen bin. Das war zu der Zeit, da war ich 13, statistisch betrachtet das rechteste Dorf in Niederösterreich.

Es ist immer eine Bereicherung, wenn man verschiedene Kulturen erfährt. Allein, dass man sieht, dass es nicht nur das Eine gibt.

Das gilt auch für die Kunst. Wenn ich Themen divers erzähle, bilde ich eine Realität ab, die ich sehen möchte in der Gesellschaft. Wenn ich so weitermache, dass ich Kaisermühlen Blues zum 50. Mal wiederhole in einer anderen Variante, dann spiegle ich die Gesellschaft, die ich vor 50 Jahren gesehen habe.

Man muss ja fast die neuen Plattformen wie Netflix, Amazon usw. positiv erwähnen. Man kann davon grundsätzlich halten, was man will – aber die sind bei diesen Themen auf jeden Fall mutiger und geben Hoffnung.

Auch das Thema Feminismus bzw. Benachteiligung von Frauen zieht sich als rotes Band durch deine Arbeit …

Claudia Kottal: Es ist ein Thema, das mich sehr wütend macht. Wir haben ja das Stück “Thelma und Louise” für die Bühne adaptiert, ein Stück über Feminismus und sexuelle Gewalt. Im Zuge dessen haben wir Interviews geführt, hauptsächlich mit Frauen, zum Recherchieren.
Wir haben als Vorbereitung auf das Stück einen Fragebogen zusammengestellt. Die erste Frage dabei war “Bist du Feministin / Feminist”? Es war total erschreckend. Die Männer haben fast alle “ja” gesagt und viele Frauen haben gesagt “Nein, um Gottes Willen”.

Also wenn du dir die Definition von Feminismus anschaust – das Ziel der Gleichberechtigung von allen Menschen – und dann sagt jemand “Nein, das bin ich nicht” … das ist wirklich schlimm. Aber das ist den Leuten nicht bewusst.

Claudia Kottal - Foto: Kottal

Claudia Kottal – Foto: Kottal

Dabei sind die jüngeren Menschen schon weiter. Aber wenn du mit den älteren Generationen sprichst, was die noch für Werte haben, das ist anders. Selbst ich erwische mich dabei, wenn ich einen Mann mit Kinderwagen sehe, dass ich denke “maaa, lieb”. Das wurde einfach so eingeschrieben in uns. Es kommt uns vieles “normal” vor.  Aber es gibt natürlich kein “normal” bzw. müssen wir das “normal” verändern.

Bei dieser Recherche kam auch auf, dass noch immer viele Frauen glauben, Männer haben eben einen größeren Trieb. Es ist nicht im Bewusstsein drin, dass es um Macht geht, nicht um Sex. Da wird so viel unter den Teppich gekehrt bei diesem Thema.

Teil des Problems ist wohl auch, wer welches Bild vom Feminismus zeichnet …

Claudia Kottal: Es ist auch die Frage, wer die Debatte bestimmt, wer das Bild des Feminismus zeichnet.

Liest man von “Vergewaltigung”, ist das häufig in Zusammenhang mit Migranten oder mit Falschaussagen von Frauen. Dass 70 % der Vergewaltigungen im eigenen Haushalt stattfinden von Verwandten und Bekannten, das liest du nirgends.

Genauso liest oder hörst du über Feminismus, dass das etwas sei, was frigide Frauen wollen. Dass nur Frauen an die Macht kommen und Männer nicht mehr. Das seien die Feministinnen.

Oder was mich aufregt ist dieses ‘Darf ich jetzt überhaupt nicht mehr flirten, ich weiß nicht mehr, wo die Grenze ist.’ Entschuldigung, aber wenn das wirklich wahr ist, müssen wir Kurse anbieten. Ich habe noch nie einem Mann auf den Arsch gegriffen ohne zu fragen, nur weil er mir gefallen hat, ohne dass wir Konsens haben. Wenn wir zusammen sind oder wir beginnen uns zu küssen, ok. Aber mir selbst ist das schon oft passiert. Irgendwas funktioniert hier nicht!

Gibt es das Problem der mangelnden Gleichberechtigung in der Kunst auch?

Claudia Kottal: Das Theater ist sehr hierarchisch aufgebaut und noch immer sehr Männer-dominiert. In alten klassischen Theaterstücken hast du viele männliche Rollen und wenige weibliche. Auch die meisten Geschichten sind aus männlicher Perspektive geschrieben.

Und die Kolleginnen und Kollegen heute, die haben wohl schon ein Bewusstsein zum Thema

Claudia Kottal: Dieses Bild von der Kunst und Kultur stimmt leider nicht. Auch in den Führungspositionen bei uns sitzen weiterhin meistens Männer. Es gibt aber Initiativen wie FC Gloria oder “If she can see it, she can be it”. Da werden etwa Drehbücher gefördert, wo Frauen im Mittelpunkt stehen und auch eine Vision schaffen, wo Frauen vorne stehen, Geschichten anleiten.

Thema Arbeit und Löhne und gerechte Verteilung. Wie ist das in der Schauspielerei?

Claudia Kottal: Das beste Modell wäre es, wenn die Berufe, die keiner machen will, am besten entlohnt würden. Ich habe auch schon überlegt, wie es wäre, wenn jeder einen Straßenkehrdienst im Jahr hätte. Aber man müsste immer alle einschulen. Wahrscheinlich könnte man es mit der Entlohnung am besten regeln.

Es ist grundsätzlich die Frage, warum 10% mehr haben als alle anderen gemeinsam und wie man das verändern kann.

Ich habe einmal mit Klaus Werner Lobo gesprochen, der das Buch “Schwarzbuch Markenfirmen” gemacht hat mit anderen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass sich der jährliche Karibik-Urlaub natürlich nicht ausgeht, wenn wir die Gehälter-Unterschiede abflachen, wenn wir Gleichberechtigung herstellen wollen. Aber das ist ok. Vielleicht kann man dann nur 1x im Leben in die Karibik. Macht nichts.

Schrecklich ist auch das Märchen, dass jeder alle Möglichkeiten hat und dass jedem alles offensteht. Das stimmt ja nicht einmal für Länder wie Österreich. Oder nehmen wir Polen. Meine Tante ist dort Schauspielerin. Als wir beide keinen Job hatten, sagte ich zu ihr, sie soll doch kellnern gehen nebenbei. Darauf antwortete sie, dass sich das nicht ausgeht. Sie verdient in Polen fürs Kellnern 50 Cent in der Stunde, da geht sich Schauspiel lernen daneben nicht aus. D.h. meine Überlebensstrategie hier hätte in Polen schon nicht mehr funktioniert.

Kann eigentlich jeder, der will, Schauspielerin oder Schauspieler werden? Oder gibt’s da – etwa finanzielle – Barrieren?

Claudia Kottal: In die Schauspielerei muss man nicht so viel Geld investieren. Aber man muss damit rechnen, dass man sehr lange nur sehr wenig Geld verdienen wird. Nicht nur, wenn man Pech hat. Es ist einfach normal. Es gibt ganz wenige, die gut verdienen in diesem Beruf. In Deutschland ergab eine Umfrage, dass nur 2 Prozent der Schauspieler von ihrem Beruf leben können.

Es ist ein Lotterie-Beruf. Der Beruf ist eine Leidenschaft und man braucht finanziellen Rückhalt, wenn man mal ein halbes Jahr keinen Job hat.

Wenn du drei Wünsche frei hättest für Österreich …

Claudia Kottal - Foto: Kottal

Claudia Kottal – Foto: Kottal

Claudia Kottal: Mein größter Wunsch, nicht nur für Österreich, ist, dass wir uns alle auf Augenhöhe begegnen. Dass jeder gleich viel wert ist. Das wäre das Schönste. Dass wir aufhören, uns gegenseitig zu bekriegen und Recht haben zu wollen. Ich wünsche mir ganz viel Liebe für Österreich.

Dann wünsche ich mir mutige Medien, die diverse Themen verfilmen in Österreich.

Und ich wünsche mir, dass alle Menschen eine Arbeit haben, die glücklich macht. Und dass wir die Arbeiten aufteilen oder besser bezahlen, die ungemütlich sind.

Und vielleicht wäre es gut, wenn jeder mal in einem anderen Körper stecken würde, um andere Erfahrungen zu machen. Wenn man mit Menschen spricht, Erfahrungen austauscht, weiß man, wie das ist im Alltag. Beim U-Bahn fahren als Frau oder Migrant, wie man behandelt wird, wie einem begegnet wird.

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