Coronavirus

Kleinwalsertal: „Wir haben den Kanzler nicht gerufen“

Emanuel H. ist gebürtiger Kleinwalsertaler. Der 30-Jährige lebt seit Jahren in Wien und ist vor drei Wochen in seine Heimat zurückgekehrt, um seine Familie in der Quarantäne zu unterstützen. Mit Kontrast hat er über das Leben in einer Enklave, Flaggen an Häusern und das Verhältnis zu Kanzler Kurz gesprochen.

80 Pressekonferenzen, das Bild ist bekannt: Minister (und selten auch Ministerinnen) mit Schutzmasken hinter Plexiglas-Scheiben. Doch ein Bild wird ins kollektive Gedächtnis eingehen wie keines anderes: Sebastian Kurz bei seinem ersten Auftritt außerhalb der sicheren Inszenierung der Pressekonferenzen.

Bei seinem Besuch im Kleinwalstertal kommt es zu einer Menschenansammlung, der Mindestabstand wird nicht eingehalten, die Grenze von maximal 10 Personen überschritten. Anstatt sich zu entschuldigen und Verantwortung für die missglückte Organisation zu übernehmen, schiebt Kurz die Verantwortung auf die Bewohnerinnen und Bewohner der Enklave.

Da ist was schiefgelaufen

Das Vorarlberger Kleinwalsertal mit den vier Dörfern Riezlern, Mittelberg, Hirschegg und  Baad ist nur über Deutschland erreichbar. Der gut dokumentierte Besuch des Kanzlers dort verlief nicht nach Message Control-Protokoll: Kurz und Landeshauptmann Wallner hielten keinen Meter Abstand zueinander, ebensowenig zu Fotografen und Schaulustigen. Dafür gibt es laut Journalistin und Innenpoltik-Expertin Eva Linsinger kein Verständnis:

„Mütter werden gestraft, weil sie mit ihren Kindern draußen spielen. Menschen zahlen für Klimmzüge im Freien oder Sitzen auf einer Bank 500 Euro. Und ausgerechnet der Bundeskanzler hält sich nicht an die Regeln?“

Es handelte sich um einen gewollten und lange vorbereiteten Auftritt, so die Einschätzung von Experten. Warum das Kleinwalsertal als erste Destination? Es sollte ein Triumph-Zug werden, das Tal hat – stellvertretend für ganz Österreich – die Ausgangssperre überstanden, die Grenzen zum Tal sind wieder offen. Damit, dass die Außenwirkung eine andere wurde, hat der Kanzler wohl nicht gerechnet.

Fotos statt Lösungen

„Im Kleinwalsertal herrscht schon ein ‚Mir sind mir‘-Gefühl“, sagt Emanuel H. Der Ökonom ist vor zehn Jahren fürs Studium nach Wien gekommen – und geblieben. Vor drei Wochen reist H. nach Mittelberg, einen der drei Orte im Tal. Seine Geschwister leben dort mit ihren Kindern, ebenso die Eltern. Den Besuch des Kanzlers hat nur der Vater live miterlebt. Er ist Gemeindevertreter und war bereits im Saal, als der Kanzler verspätet im Ort eintraf.

„Man hat sich schon gefreut. Aber Neuigkeiten oder Lösungen hat der Kanzler nicht gebracht“, erzählt er.

„Es gibt kein großes politisches Spektrum da, wo ich herkomme. Die meisten Menschen waren schon vorm Kurz-Besuch überzeugte ÖVPler.“ Das heißt allerdings nicht, dass man mit dem Kurs der Neuen Volkspartei einverstanden sein muss, wendet H. ein. „Man steht vielleicht auf der ÖVP-Liste, aber mit der Bundes-ÖVP hat das wenig zu tun.“

Doppelt so viel Gästebetten wie Einheimische

Wie viele Kleinwalsertaler vermietet die Familie H. Ferienwohnungen. Das Kleinwalsertal gehört mit rund 1,6 Mio. Nächtigungen pro Jahr zu den beliebtesten Tourismusdestinationen in Österreich. Das Verhältnis zu den Gästen: entspannt.

Die Region profitiert auch stark von den Gästen, erzählt Emanuel: Straßensanierungen und Freizeit-Angebote, aber auch der Umwelt-Schutz-Guide werden von den Hotels im Tal mitfinanziert. Neben drei Kirchen machen zwei Ausstellungen, ein Weltkriegs-Denkmal und eine Brücke die Sehenswürdigkeiten komplett. Die Gäste kommen für die Landschaft, zum Skifahren, Langlaufen oder Wandern. 

Die 5.000 Einwohner-Gemeinde stellt mit 10.350 Gästebetten doppelt so viele Fremden-Schlafplätze wie Einwohner.

Der Tourismus macht das Haupteinkommen der Region aus, vor allem bei Deutschen ist die Talschaft beliebt. Und umgekehrt pendeln viele täglich in das benachbarte Bayern zum Arbeiten.

Der Almabtrieb ist eine Attraktion. Auch sonst halten die Walsertaler ihre Traditionen hoch. Bild: Archiv Frank Liebig
Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license.

Plötzlich: Grenze dicht

Seit 1891 ist das Kleinwalsertal Zollanschlussgebiet an Deutschland. Die Grenzen waren immer offen. Das Tal führte nicht nur die gleichen Verbrauchssteuern wie Bayern, bis zur Einführung des Euro zahlte man auch mit D-Mark. Und plötzlich sind seit März die Grenzen dicht.

Warenverkehr und Pendler sind davon zwar ausgenommen, trotzdem wird an der Grenze scharf kontrolliert. Seit 19. März gibt die Gemeinde deswegen Passierscheine für die Pendler aus. Emanuel hatte seinen Meldezettel dabei, als er sich auf den Weg von Wien nach Mittelberg machte. Er hoffte das Beste, bekam aber nirgends sichere Auskunft darüber, ob er nach Deutschland aus- und wieder einreisen kann. Er kam trotz allem unbehelligt an, seinen Meldezettel wollte an der Grenze niemand sehen.

Im Tal verschärft sich die Lage seit März zusehends. Die Menschen haben Angst, dass eine komplette Saison ausfällt. Denn geschlossene Grenzen würden im Gegensatz zu Restösterreich nicht nur heißen, dass keine ausländischen Gäste kommen könnten, sondern dass gar keine Gäste anreisen.

„Wir haben den Kanzler nicht gerufen“

Auch wenn die eigene Familie nicht vom Grenzverkehr abhängig ist: „Der Druck ist schon gestiegen bei allen, das hat man gemerkt.“ Dieser Druck hat sich vor allem auf den Bürgermeister konzentriert, erzählt Emanuel H.

„Es gab nur zwei positive Corona-Fälle im ganzen Tal. Da war einfach kein Verständnis da, dass man sich nicht bewegen darf.“

Am 28. März kommt es zum ersten bestätigten Corona-Fall, am 5.  April zum zweiten. Seit 14. April gibt es keine bestätigten Krankheitsfälle mehr, aber eine Lockerung der Maßnahmen ist nicht in Sicht.

Der Druck auf Bürgermeister Andi Haid (ÖVP) ist groß. Er schreibt Briefe an die Landesregierung in Bregenz, an den zuständigen bayrischen Staatssekretär, die deutsche Nachbargemeinde, die Vorarlberger Landesräte. Die Enklave fühlt sich allein gelassen, bestätigt H.

Und dann unternahm Sebastian Kurz seinen ersten Besuch im Kleinwalsertal. Sein Erscheinen wurde groß in der Gemeinde angekündigt.

Davon hat Familie H. trotzdem nur über Umwege erfahren. Den persönlichen Termin hat sich die Gemeinde nicht gewünscht, so H. Das Bundeskanzleramt selbst habe den Termin anberaumt. Dass es eine Lösung mit Deutschland geben würde, war schon vor dem Erscheinen des Kanzlers klar.

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„Für die 5.000 Stimmen rentiert sich der Umweg nicht“

Trotzdem freute man sich im Kleinwalsertal. „Es kommt wirklich nie ein Politiker vorbei bei uns. Das rentiert sich bei den Wahlkampf-Touren wohl einfach nicht für 5.000 Stimmen. Und ja, das wird dann schon als Wertschätzung gesehen.“ Tatsächliche Lösungen hat der Kanzler aber keine gebracht: Die deutsche Kanzlerin Merkel hatte einige Tage zuvor angekündigt, die Reisewarnung für das Kleinwalsertal mit 15. Juni aufzuheben. Damit ist wieder uneingeschränkter Grenzverkehr möglich.

In einer Sache gibt H. Kanzler Kurz recht: Es werde tatsächlich gerne beflaggt in Mittelberg. „In meiner Familie nicht unbedingt, aber die Häuser an der Hauptstraße hängen seit 40 oder 50 Jahren zu jeder Gelegenheit die Fahnen raus: Fronleichnam, Blasmusikfest, Staatsfeiertag.“ Und so auch beim Besuch des Kanzlers.

„Das liegt vielleicht daran, dass dir wird von klein auf gesagt wird: Ihr gehört nicht richtig zu Österreich.“ Abgesehen von der gemeinsamen Flagge ist Verhältnis zum Rest von Österreich gespalten. Es gibt eine starke lokale Identität: Man will zwar zu Österreich gehören, aber in erster Linie zum Kleinwalsertal. Viel hat man mit dem Bund nicht am Hut, auch in der Gemeindepolitik. Was man sich wirklich wünsche von der Regierung? „Dass man in Zukunft nicht erst vorbeikommt, wenn alles vorbei ist, sondern Enklaven in politischen Entscheidungen gleich mitbedenkt.“

*Der Interviewpartner will aufgrund der leichten Wiedererkennbarkeit und zum Wohl seiner Person und dem seiner Familie anonym bleiben. Name der Redaktion bekannt.

Kleinwalsertal: „Wir haben den Kanzler nicht gerufen“

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