Interview mit Shoshana Zuboff

Überwachungskapitalismus: Facebook und Google wissen alles über uns, aber wir wissen nichts über sie

Flickr/UCL Institute for Innovation and Public Purpose / Image by Kirsten Holst

Shoshana Zuboffs Buch ‚Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus‘ ist ein internationaler Bestseller und gilt als revolutionäre Sicht auf unser Wirtschaftssystem. Sie untersucht auf 700-Seiten, wie Internetgiganten wie Google und Facebook Milliarden mit unseren persönlichen Daten machen. Diese Daten werden ohne unsere Zustimmung erfasst, verkauft und für Verhaltensvorhersagen verwendet. Das hat fatale Auswirkungen auf Wirtschaft, Demokratie und Gesellschaft, wie Zuboff im Interview erklärt.

Ihr neues Buch heißt „Überwachungskapitalismus“, was genau verstehen Sie unter diesem Konzept?

Shoshana Zuboff: Der Kapitalismus entwickelt sich immer so weiter: Dinge, die bisher kein Teil des Marktes waren, werden in den Markt integriert, um sie zu kaufen und zu verkaufem. Das gilt auch für den Überwachungskapitalismus. Der Überwachungskapitalismus nimmt private Erlebnisse und Erfahrungen und bringt sie auf den Markt – als Verhaltensdaten, als Rohmaterial für Berechnungsprozesse. Daraus werden dann Muster errechnet, um unser Verhalten vorherzusagen. Die “ Prognose-Produkte “ werden dann auf einem neuartigen Marktplatz verkauft, der ausschließlich mit Prognosen von menschlichem Verhalten handelt.

Wie ist es dazu gekommen?

Zuboff: Der Überwachungskapitalismus wurde 2001 von Google als Reaktion auf eine finanzielle Notlage entwickelt. Er wurde geschaffen, damit Online-Suchdienste schnell Geld verdienen können. Das Konzept war so erfolgreich, dass es auch Facebook übernommen hat. Innerhalb weniger Jahre hat es sich in den meisten Start-ups im Technologiebereich durchgesetzt. Aber es lässt sich längst nicht mehr sagen, dass sich der Überwachungskapitalismus auf den Technologiesektor beschränkt. Denn wir können derzeit beobachten, dass er sich über die gesamte Wirtschaft ausbreitet: Vom Versicherungssektor über den Automobilsektor bis hin zu den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Bildung.

Mittlerweile befindet sich der Überwachungskapitalismus in praktisch jedem Produkt, das das Wort „smart“ enthält. Und auch jeder Dienst, der das Wort „personalisiert“ in seinem Namen trägt, gehört dem Überwachungskapitalismus an.

Warum sollten wir uns vor dem Überwachungskapitalismus wirklich fürchten?

Zuboff: Diese einseitige Inanspruchnahme privater menschlicher Daten und Erlebnisse ist das Wesen der Überwachungsverhältnisse. Niemand kommt zu dir und sagt: “ Das wollen wir tun – erlauben Sie uns das?“ Überwachungskapitalisten verstehen, dass je mehr Menschen über ihre Methoden Bescheid wissen, desto mehr werden diese sich wehren und Wege suchen, um sich zu schützen. Wenn neue Unternehmen Daten sammeln wollen, um unser zukünftiges Verhalten vorherzusagen, müssen sie dies heimlich tun.

Wir haben auf gesellschaftlicher Ebene mit dem Überwachungskapitalismus und seinen Methoden private Institutionen geschaffen, die außerhalb der Verfassung existieren – zumindest geschieht dies mit Sicherheit in den Vereinigten Staaten, in Europa ist dies ein wenig anders. Bis jetzt haben sie also weitgehend außerhalb der Rechtsstaatlichkeit, außerhalb der demokratischen Aufsicht und Werte existiert. Dabei stellen sie enorme Missverhältnisse her:

Sie wissen alles über uns, während wir fast nichts über sie wissen. Dabei missbrauchen sie ihr Wissen für kommerzielle Zwecke.

Wir haben sie noch nicht benannt, aber es geht um die Großen: Facebook, Google und so weiter…

Zuboff: Es geht nicht um Gut gegen Böse. Es geht um eine neue wirtschaftliche Denkweise mit spezifischen wirtschaftlichen Anforderungen. Das sind Unternehmen, die jetzt an diese wirtschaftlichen Anforderungen gebunden sind, wenn sie erfolgreich sein wollen.

Ist der Überwachungskapitalismus ein notwendiges Produkt der Digitalisierung? 

Zuboff: Nein, wir dürfen Technologie und Digitalisieurung nicht mit Überwachungskapitalismus gleichsetzen. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Bereits im Jahr 2000, noch vor der Erfindung des Überwachungskapitalismus, hatte eine Gruppe von Designern, Datenwissenschaftlern und Ingenieuren an der Georgia Tech University die Idee von einem „bewussten Zuhause“ – ganz ähnlich dem, was wir heute „smart home“ nennen. Aber es hatte einen einzigen, geschlossenen Kreislauf: Alle Informationen gingen direkt an den Bewohner des Hauses. Weil diese Daten so intim und persönlich sind, konnten nur die Bewohner entscheiden, was mit ihnen geschehen sollte.

Spulen wir auf das Jahr 2017 vor: Die University of London hat ein einziges „Smart Home“-Gerät analysiert, den Nest Thermostate von Google. Nest ist ein Eco-System mit einem Thermostat und anderen Geräten in Ihrem Haus, die an diesen Thermostat angeschlossen werden können. Es sammelt viele Daten von allen möglichen Aspekten Ihres Verhaltens in Ihrem Zuhause.

Die Forscher fanden heraus, dass ein gewissenhafter Verbraucher bei der Installation eines Nest Thermostates mindestens tausend Datenschutzverträge überprüfen müsste. Denn all diese Verhaltensdaten werden nun über „Nest“ an Dritte vergeben.

Hier haben wir also die gleichen Technologien, aber jede von ihnen ist von einer grundlegend verschiedenen wirtschaftlichen Logik geprägt. Und es ist die ökonomische Logik, die entscheidend dafür ist, wie diese Technologien in unser Leben gebracht werden, wie sie genutzt werden und welche Folgen sie haben.

Shoshana Zuboff Foto: Flickr/UCL Institute for Innovation and Public Purpose / Image by Kirsten Holst

Gibt es auch Herausforderungen für die Demokratie?

Zuboff: Unsere demokratische Gesellschaft wird durch diese Methoden auch von innen heraus untergraben. Denn das Leben wird immer mehr durch Stimulusreaktionen und unbewusste Belohnungen und Strafen definiert. Die haben unser Leben im Zeitalter der digitalen Medien durchdrungen. Und das schwächt langsam unsere Fähigkeit zur moralischen Selbstbestimmung.

Wir haben ja gesehen, wie mit diesen Eingriffen auf unsere Autonomie experimentiert wurde. Im Jahr 2012 startete Facebook sein Online-Experiment „Contagion“. Facebook wollte sehen, ob sie unterbewusste Signale und bewusstseinsgestaltende Mechanismen nutzen können, um unser Abstimmungsverhalten in der realen Welt zu ändern. Ein Jahr später gab es ein weiteres Contagion Experiment, ebenfalls mit unterbewussten Signalen, um zu sehen, ob sie auf unsere Gefühle einwirken können: Ob sie uns trauriger oder oder glücklicher machen können. Beide Experimente waren erfolgreich. Und als die Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden, prahlte Facebook damit, dass ihre Methoden dem Bewusstsein der Benutzer komplett entgingen.

Aber wenn diese Unternehmen bereits so tief unter unserer Haut, oder besser gesagt in unseren Köpfen sind, gibt es dann noch einen Raum, um an Widerstand zu denken?

Zuboff: Ich glaube nicht, dass Widerstand das Problem sein wird. Heute ist es für uns unmöglich, genau zu wissen, welche unserer Daten verarbeitet werden, wohin diese Daten gehen und wer sie zu welchem Zweck verwendet. Man muss diese Dinge benennen: Denn wenn die Menschen von diesen Aktivitäten erfahren, wird es Widerstand geben. Sie werden das nicht zulassen wollen.

Man muss also als Erstes die Vorhänge öffnen. Man muss Licht auf all diese Vorgänge werfen. Dann wird der Widerstand eine sehr natürliche Reaktion sein.

Das wird zu einem grundlegenden Wandel der öffentlichen Meinung führen und das wird wiederum Handlungsbedarf mit sich bringen. Die Öffentlichkeit wird unsere gewählten Amtsträger auffordern, bei der Entwicklung der künftigen Gesetze und Vorschriften, die uns vor solchen Aktivitäten schützen sollen, strenger und konsequenter vorzugehen.

Die Allgemeine Datenschutzverordnung der Europäischen Union (GDPR) hat uns bereits viel weiter gebracht als die letzten 20 Jahre. Jetzt haben wir die Möglichkeit, ausgehend von der GDPR neue Regulierungssysteme zu entwickeln, die speziell gegen diese Methoden vorgehen.

Wir sprechen hier von Datenbesitz als Lösung für den Datenschutz. Ist aber Datenbesitz wirklich genug? Wollen wir wirklich über den Besitz von Daten streiten, die überhaupt nicht existieren sollten? Ich vergleiche das gerne mit dem Streit darüber, wie viele Stunden ein 7-Jähriger in einer Fabrik arbeiten sollte. Eigentlich muss man darüber streiten, dass es überhaupt keine Kinderarbeit geben sollte.

Wir müssen hier Grundsatzfragen stellen: Ist es legitim, dass man persönliche Daten ohne wirkliche Zustimmung der jeweiligen Person erhebt? Ist es legitim, dass unsere Erfahrungen als Verhaltensdaten, als Rohmaterial für Verhaltensvorhersagen verwendet werden? Ist es legitim, dass diese Prognosen dann an Geschäftskunden verkauft werden, die ein wirtschafltiches Interesse daran haben, unser zukünftiges Verhalten zu beeinflussen? Dass unser zukünftiges Verhalten quasi an andere versteigert wird? Und wir haben bei alldem gar kein Mitspracherecht, keine Kontrolle und keinen Schutz?

Google ist nur deshalb eine so gute Suchmaschine, weil sie viel zu viele Daten über uns sammeln. Das ist der Preis, sagt Soshana Zuboff.

Abgesehen von der öffentlichen Empörung, die auftreten mag, wenn Menschen das Ausmaß der Überwachung verstehen…was ist Ihre Botschaft an die politischen Entscheidungsträger?

Zuboff: So wichtig es auch sein mag, ein bestimmtes Unternehmen zu regulieren oder Kartell- und Datenschutzgesetze durchzusetzen, müssen wir noch weiter gehen: Wir müssen verstehen, dass der Überwachungskapitalismus mittlerweile unsere gesamte Wirtschaft durchdringt. Wir müssen seine Methoden verstehen. Wir müssen eine öffentliche Diskussion darüber führen, ob diese Methoden mit der individuellen Souveränität und der demokratischen Souveränität vereinbar sind oder nicht. Schließlich müssen wir verstehen, auf welche Weise wir diese Methoden gezielt durchbrechen und verbieten können.

Aber wie soll das Ihrer Meinung nach gehen?

Zuboff: Ich bin der Meinung, dass der Überwachungskapitalismus eine bösartige Mutation des Kapitalismus ist. Im 20. Jahrhundert haben wir einen Weg gefunden, wie Märkte und Demokratien in ein Gleichgewicht gebracht werden können. Aber nur, weil wir Gesetze und Vorschriften geschaffen hatten, die die Ausschreitungen des Kapitalismus begrenzten. Wir knüpften die Märkte an die Bedürfnisse einer demokratischen Gesellschaft und an das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen des Einzelnen.

Heute befinden wir uns in einer Welt, in der wir in unserem täglichen Leben nicht effektiv sein können, ohne über Kanäle zu stolpern, die unsere täglichen Aktivitäten als Verhaltensdaten verkaufen. Und wir haben weder Kenntnis noch Kontrolle darüber. Wir müssen daher Alternativen dafür schaffen. Und sobald es diese Alternativen gibt, werden wir alle diese nutzen.

Es gibt bereits einige Alternativen: Telegram statt WhatsApp oder alternative Suchmaschinen wie DuckDuckGo statt Google. Aber diese Dinge haben sich noch nicht wirklich durchgesetzt.

Zuboff: Diese Dinge erfordern Größe. Wir haben eine Suchmaschine wie DuckDuckGo, die unsere Privatsphäre schützt und das ist sehr wichtig. Die Leute mögen sagen, dass Google eine bessere Suchmaschine hat, aber was sie nicht verstehen, ist: Google kann nur eine bessere Suchmaschine haben, weil die Verbesserung der Suchfähigkeit zu einem gewissen Preis erfolgt. Dieser Preis ist für die meisten von uns nicht sichtbar. Die Menschen müssen sich über den tatsächlichen Preis bewusst werden, die sie für Google, seiner Such-Maschine und seine Praktiken bezahlen.

Wir haben hier zwei sehr unterschiedliche Alternativen. Und wenn diese beiden Alternativen gegenüber gestellt werden, muss das in ihrer ganzen Fülle mit vollem Wissen und Transparenz darüber, was jede einzelne bedeutet, geschehen. Und wie ich bereits sagte: Wenn die Menschen über dieses volle Wissen und diese Transparenz verfügen, werden sie diese Praktiken ablehnen.

Shoshana Zuboff

Die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff hat den „Überwachungskapitalismus“ von Google, Facebook & Co so umfassend analysiert wie niemand sonst. Bereits 1988 schrieb sie den Bestseller „In the Age of the Smart Machine“, in dem sie die technologischen Entwicklungen und die daraus entstehenden Kontrollmechanismen vorhersagte. Mit dem Begriff „Dark Google“ prägte sie 2014 die Debatte um die digitale Zukunft und Big Data. 2018 erschien ihr aktuelles Werk „The Age of Surveillance Capitalism/Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“. Die populäre Kapitalismus-Kritikerin Naomi Klein fordert alle auf, Zuboffs Buch als „einen Akt der digitalen Selbstverteidigung“ zu lesen. Shoshana Zuboff lebt in Maine (USA).

Am 14. November 2019, um 19 Uhr ist Shoshana Zuboff in Wien. Im Gespräch mit Armin Thurnher spricht sie bei den Wiener Stadtgesprächen von Falter und Arbeiterkammer über „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“. Hier geht’s zur Anmeldung.

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Matti Illoinen
Matti Illoinen

Statt konstruktive Kritik,und vielleicht weitere Ideen, um zu Veränderungen zu kommen, werden Menschen die man nicht persönlich kennt, sofort persönlich mit abschätzenden Begriffen wie „Dumm “ oder Deppen“ nur immer eben die anderen. Man sieht immer die Splitter im Auge der Anderen, die Balken im eigenen Auge sieht man nicht, oder leugnet diese. Mit solchen Kommentaren, freuen sich die Herrschenden. Unfassbar.

Bluesman
Bluesman

Hier fragt man sich schon, wie weit die geistige Degeneration des Menschen exponentiell mit dem Verlauf des technischen Fortschritts noch voranschreiten wird. Einerseits weiß man es und findet es arg bzw. schlimm, doch dann freut man sich wieder, wenn man beim Bildchen vom vermeintlichen Freund auf „Gefällt mir“ klicken darf, oder die letzten Familienereignisse vom Wochenende der Welt präsentieren kann. Vielleicht sollte man mal über eine Art Deppensteuer, die bei jedem Kauf eines PCs/Tablets etc. gleich mitverrechnet wird, nachdenken. Die Budgets der Welt könnten damit locker saniert werden… Gleich verhält es sich bei der Steuerflucht dieser Konzerne. Wir blechen die… Weiterlesen »

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