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Aufgeregte Sensationslust macht Schule nicht besser – Ein Plädoyer für mehr Sachlichkeit

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HTL Ottakring - Bibliothek

HTL Ottakring - Bibliothek

HTL Ottakring - Bibliothek (Foto: HTL Ottakring)

Daniel Landau Daniel Landau
in Daniel-Landau-Bildungswecker
Lesezeit:4 Minuten
5. Mai 2019
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Der Straßenkehrer, früher zumindest, nahm wohl bereits zu Hause seinen Besen in die Hand. Begann von dort weg zu kehren. Vor dem eigenen Haus.
Auch Social Media sind letztlich nur das, was wir daraus machen. Du, ich, wir alle.
Warum beginne ich meine Gedanken mit so einem Absatz? Weil ich gerne ins Bewusstsein rufen möchte, dass jeder „Appell“ bei mir selbst beginnen muss, wenn er nicht völlig ungehört verhallen soll.

News und Videos aus der HTL Ottakring

Aber der Reihe nach. Vor ein paar wenigen Tagen kamen Videos aus einer Schule an die Öffentlichkeit. Zuerst via WhatsApp Gruppen, dann rasch in die Social Media, und schließlich erreichten sie die klassischen Medien, von dort wieder zurück in die Social Media. Und los ging’s.

Zu sehen, ein paar Situationen aus einer Schule in Wien. Genauer, einer HTL, also dort, wo junge Menschen eine recht berufsspezifische und hochwertige Ausbildung erhalten. Wo es bereits erwachsen zugehen sollte. Was immer das genauer heißen soll. Und wo es genau dies meiner Erfahrung nach auch überwiegend tut.

Ich werde diese Videos hier nicht verlinken, siehe auch unten, aber sie sind, subsumiert, alles andere als erfreuliche Zeugnisse von Situationen. Wo Menschen einander demütigen, wo Gewalt zu sehen ist. Mal psychisch übergriffige, mal in Worten, bis hin zu körperlichen Taten.

Wir wissen nichts über Vorgeschichte und Entwicklungen

Diese teilweise nur paar Sekunden langen Videos sind Momentaufnahmen. Was sie nicht zeigen, ja gar nicht zeigen können, sind die jeweilige Vorgeschichte, die Entwicklungen, die zu diesen Situationen geführt haben mögen. Denn, auch klar, keine der gezeigten Übergriffe entstehen aus dem Nichts.

Womit wir bei meinem zentralen Anliegen wären. Es sind nicht „wir“ die berufen sind, hier aus ein paar Sekunden Ableitungen zu treffen. Weder zu einer vermeintlich „prinzipiellen“ Gewaltbereitschaft dieser Jugendlichen. Noch über die Fähigkeit oder etwaige Unfähigkeit des Kollegen. Auch nicht über etwaige Versäumnisse von Seiten der Direktion.

Angemerkt: Die Schulleitung entspricht auch dort so etwas wie dem letztverantwortlichen Kapitän eines Schiffes. Nur, in HTLs gibt es mehrere Leitungsebenen, auch notwendig bei etwa 1.500 Schülerinnen und 170 unterrichtenden Kolleginnen, wie an dieser konkreten Schule.

Wir alle kennen jedoch diese auffallend hohe Durchdringung mit „Expertise“ zur Schule. Es war ja auch jede und jeder selbst… und Nein!

Vorfälle untersuchen ohne Erwartungshaltung und politischen Druck

Was es vielmehr braucht, und zwar so schnell, ruhig, nüchtern und dabei so genau wie möglich, ist eine rasche Untersuchung durch die befugten Behörden. Und zwar nur durch diese. Hierzu wünschte ich mir noch, dass alle die Vorfälle untersuchen, ohne das Gefühl zu haben, „politisch handeln“ zu sollen, einer Erwartungshaltung aus irgendeiner Richtung entsprechen zu müssen. Und genau das auch glasklar vermitteln.

Der unmittelbar nächste Schritt, er ist wohl bereits vor einem endgültigen Ergebnis dieser Ermittlungen zu beginnen, ist ein breiter Diskurs zu einigen Themen. Es braucht, dies lässt sich unschwer schon jetzt diagnostizieren, so denke ich, wohl ein ganzes Maßnahmenpaket. Einiges davon, nicht vollständig, hier:

  • Regeln in der Schule. Von wem und wie werden diese erlassen? Wie erfolgt die Begleitung oder auch die Sicherstellung dieser Regeln.
  • Wie werden die Lehrerinnen ausgewählt, ausgebildet?
  • Wer begleitet sie beim Einstieg in den Unterricht, der sich ja noch dazu von der Ausbildung oft empfindlich unterscheidet?
  • Darüber hinaus ist die pädagogische Voraussetzung für den Unterricht gerade in einer HTL unverändert nachgereiht. Ist dies so weiter aufrecht zu erhalten?
  • Es braucht Unterstützungssysteme, für Schülerinnen wie auch Lehrerinnen, von der Peer Mediation über Supervision bis hin zu genügend Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen vor Ort
  • Last but not least: Gewaltprävention. Nicht nur, aber auch bei Schule ein wichtiges Thema

Anders formuliert, und zur Thematik im Eingang zurück: Meine Sorge zum konkreten Vorfall in dieser HTL. Dem ist nachzugehen, ohne wenn und aber! Was aber aktuell passiert – und Social Media haben hier ihren Anteil: Tausende Schülerinnen, die dort (und ich denke, überwiegend großartig) aufs Leben vorbereitet werden, rutschen wieder einmal aus dem Fokus.

Medien haben ihre Verantwortung nicht wahrgenommen, Personenrechte ignoriert

Zusätzlich neigt die Berichterstattung dazu, die wahre Aufarbeitung (siehe oben) zu behindern. Die ersten Medien waren und sind sich nicht zu billig, Anstand wie Personenrechte (auf allen Seiten) zu ignorieren, und veröffentlichten diese Videos ohne Verpixelung.

Jede und jeder weiß, was das bedeutet. Damit wird nichts anderes erreicht, als dass Menschen angegriffen werden, diesen Angriffen auch mehr oder weniger schutzlos ausgesetzt sind.

Der Aufklärung aber, und ich hoffe, dieses Anliegen eint letztlich wirklich alle(!), dient dies nicht, im Gegenteil. Der konkrete Vorfall gerät so auf ein Feld indem es allzu vielen nur darum geht, Stimmung zu machen. Ihre eigenen Überzeugungen zu kommunizieren.

Politische Nutzung des Vorfalls ohne Sachkenntnis

Ein weiteres Mal wird von einigen keine Sekunde überlegt, wie es denn Betroffenen geht, wenn man sich den Vorfall „nutzbar macht“. Dies gilt für Privatpersonen genauso, wie wohl in der Verantwortung verstärkt für Medien oder öffentlich relevante (politische) Vertreterinnen.

Was sie leider vielfach eint: Relativ wenig Sachkenntnis (notgedrungen, wir alle wissen darüber ja viel zu wenig) wird mit persönlicher Motivlage verquickt. Eine explosive wie schädliche Mischung, wie ich meine.

Einzelne, die saubere offizielle Aufarbeitung statt dieser Art von „Medienlynchjustiz“ einmahnen werden teilweise (bewusst?) missverstanden. Stattdessen, lauter „Direktor wäre immer schon Wahnsinn“, „nur Gewalt dort“, und andere Einwürfe, oft sehr übler Natur.

Zusammengefasst: Denkt an die vielen anderen Schülerinnen dort, an Eltern, an Kolleginnen. Und bitte reiht deren Interessen vor eure emotionale „Abreagierungsbegehrlichkeit“ oder gar die Stimmungsmacherei, letztlich am Rücken aller Betroffenen.

Viel Glück den heurigen Maturantinnen, DANKE an die Lehrerinnen!

Und jetzt noch, weil es die Zeit dazu ist. Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, die ihr maturiert. Auch und gerade dort. Ich wünsche euch ein gutes Gelingen, viel Kraft, gute Nerven, und dann auch die Möglichkeit, euch nach diesen Anstrengungen gut zu entspannen.

Dies gilt auch für meine Kolleg_innen, durch die aktuellen Belastungen, ebenfalls ganz besonders dort. Allen Lehrer_innen, auch das ganz laut, zugleich mein größter Dank. Ich weiß, die überwiegende Mehrheit von euch begleitet die Schüler_innen mit wunderbarstem pädagogischen Ethos, mit großem Aufwand und mit enormer Leidenschaft für die euch Anvertrauten! DANKE

 

PS: Aufgrund der besseren Lesbarkeit entschied sich der Autor für die weibliche Form, Männer sind mitgemeint.

Parlament Das Thema "Schule" im Parlament

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2 Comments
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Friedsamer Helmut
Friedsamer Helmut
6. Mai 2019 11:01

Ich bin heute ein alter Mann und war in den 50er Jahren auf dieser Schule. Es hat sich in diesen ca 65 Jahren sehr viel verändert. Allerdings auch die Disziplin der Schüler. Wir der Österreichische Staat geben für die Bildung unserer Nachfahren sehr viel Geld aus und erwarten uns eigentlich einen gewissen Erfolg aus dieser Situation. Nun Problemprofessoren gab es schon damals, aber einen Übergriff auf einen dieser Lehrer hat es damals nicht gegeben. Wenn du ein sogenannter Problemschüler warst, so wie ich, wurdest due aus der Schule entfernt und deine Eltern mussten und das war gar nicht so einfach eine neue Schule für dich finden. Heute benötigt man für alles einen Psychologen obwohl man weiss, dass die noch niemals jemanden helfen konnten. In diesem Fall erwarte ich mir, dass man einen gedienten Lehrer, nicht so mir nichts dir nichts auf die Straße setzt. Der Schüler muss einen anderen Weg für seine Bildung finden. Der Leher hat diese Möglichkeit nicht.

4
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xx1xx
xx1xx
Reply to  Friedsamer Helmut
12. August 2020 12:24

Bildung hat in diesen Schulen den falschen Stellenwert bekommen. Tatsächlich geht es in Ottakring nur um das schnelle Geld. Den Lehrern genauso, wie den Schülern.

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Erich Maria Remarque war ein deutscher Schriftsteller, der mit seinem Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” bekannt wurde. Seine Bücher, die vor allem die Grausamkeiten des Krieges offenlegen, wurden im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Seine pazifistischen Romane werden bis heute von Menschen weltweit begeistert gelesen und wurden schon mehrfach verfilmt. Zitat: Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen. Erich Maria Remarque

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