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„Sozialschmarotzer“, „Rassisten“ und „Gutmenschen“: Warum wir unsere Selbstgerechtigkeit durch Selbstkritik ersetzen sollten

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„Sozialschmarotzer“, „Rassisten“ und „Gutmenschen“: Warum wir unsere Selbstgerechtigkeit durch Selbstkritik ersetzen sollten

Kontrast Redaktion Kontrast Redaktion
in Gesundheit, Reichtum & Macht
Lesezeit:4 Minuten
21. November 2018
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Im Buch „In besserer Gesellschaft – der selbstgerechte Blick auf die anderen“ widmet sich Laura Wiesböck unserer Neigung zur Abgrenzung von anderen Menschen. Der Ruf nach Gleichheit verhallt, vielfach wollen wir mit Menschen, die anders denken und leben als man selbst, nichts mehr zu tun haben. In einer stark individualisierten Gesellschaft schafft man sich lieber seine eigenen heimeligen Diskussionsräume und wertet andere Positionen ab, um sich ein kleines bisschen besser zu fühlen. Vorgefertigte Labels wie „Sozialschmarotzer“, „Rassist“ oder „Gutmensch“ werden vorschnell verteilt – ohne sich aber mit der Position des anderen ernsthaft auseinanderzusetzen; politischer Austausch und Versuche andere Einstellungen zu verstehen, werden dadurch schwerer möglich. Wir haben Laura Wiesböck gefragt was sie denn unter dem „selbstgerechten Blick“ genau versteht.

Kontrast: Was verstehen Sie unter Selbstgerechtigkeit?

Laura Wiesböck: Es geht um Abgrenzungsprozesse: ein plakatives Beispiel aus dem bildungsbürgerlichen Milieu ist etwa, wenn rechtspopulistische Wähler und Wählerinnen pauschal als „dumm“ bezeichnet werden. Das folgt einem ähnlichen Muster wie Migranten als „Sozialschmarotzer“ darzustellen: Es ist ein vorurteilsbasierter Blick auf eine ganze Menschengruppe. Natürlich ist es ein Unterschied in der Intensität, ob man einer ganzen Personengruppe soziale Rechte und Würde abspricht, wie das im Bereich Arbeitslosigkeit und Migration der Fall ist, oder ob man andere Menschen als primitiv wahrnimmt, die eine Pauschalreise buchen. Aber vom Prinzip her ist beides eine Abwertung mithilfe eines selbstgerechten Blicks.

Kontrast: Wodurch entsteht Selbstgerechtigkeit und wozu dient dieser Mechanismus?

Laura Wiesböck: Abwertung dient immer dazu, das Selbst aufzuwerten und sich selbst im Vergleich gut dastehen zu lassen. Wenn ich zum Beispiel sage: ‚Diese Gruppe ist leistungsunwillig‘, definiere ich mich automatisch selbst als leistungswillig. Das kann aber demokratiepolitisch problematisch werden.

Kontrast: Welche gesellschaftlichen und politischen Folgen hat Selbstgerechtigkeit?

Laura Wiesböck: Abwertungsprozesse können so weit gehen, dass man gar nicht mehr versucht, die Ursachen von gesellschaftlichen Problemen zu bekämpfen, sondern stattdessen ganze Personengruppe bekämpft. Auf gesellschaftlicher Ebene können wir im Bereich Arbeitslosigkeit und Migration beobachten, wie sich Personen innerhalb einer Gruppe von anderen abzugrenzen wollen.

Am Beispiel eingewanderter Menschen, die rechtspopulistische Parteien wählen: Da ist eine Art identitätsstiftender Akt, um zu sagen ‚Ich bin integriert, ich bin Österreicher. Aber die, die jetzt kommen, wollen sich nicht integrieren‘. Sowas ist natürlich für Solidarisierungsprozesse sehr hinderlich.


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Kontrast: Wie hängen soziale Ungleichheit und Selbstgerechtigkeit zusammen?

Laura Wiesböck: Personen aus einem privilegierten Umfeld schreiben sich gerne ihren Erfolg ausschließlich selbst zu: Donald Trump ist so ein Beispiel. Der sagt, er hat mit 18 Jahren „eh nur eine Million Dollar von seinem Vater bekommen“.

Solche Privilegien nicht zu reflektieren, ist problematisch, weil soziale Ungleichheit dadurch stark verschleiert wird. Wenn man aus einer Familie kommt, die über gute Kontakte verfügt oder ein Vermögen hat, das man investieren kann, dann sind diese Leute natürlich risikobereiter.

Durch den Mythos „Man kann alles erreichen, wenn man nur will und wenn man mit Leidenschaft einer Sache nachgeht“ entsteht ein sehr starker Druck auf viele Menschen. Viele schreiben sich dann ihre Erfolglosigkeit ausschließlich selbst zu, werden depressiv und das halte ich für gesellschaftlich sehr problematisch.

Kontrast: Sie schreiben „Besonders perfide ist Selbstgerechtigkeit dort, wo sie eng mit moralischen Fragen einhergeht“. Wie meinen Sie das genau, was sind das für moralische Fragen?

Laura Wiesböck: Etwa bei den Statussymbolen der urbanen Mittelschicht, dort wird soziale Ungleichheit sehr stark verschleiert: Ein „nachhaltiger Lebensstil“ etwa braucht natürlich Zeit, Geld und auch Bildung. Dabei entsteht ein Gefühl der moralischen Überlegenheit und man erlegt sich immer striktere Regeln auf. Und dann rühmen sich diese Menschen damit, einen „nachhaltigen Lebensstil“ zu verfolgen und müssen sich dann innerhalb derselben Community rechtfertigen, weil man einmal mit dem Auto gefahren sind ist oder ähnliches. Ich weiß nicht, ob das die richtige Form ist, diese Nachhaltigkeit zu leben. Interessant ist dabei auch, dass Nachhaltigkeit oft durch Konsum gelebt wird und nicht durch Verzicht.

Kontrast: Entspinnt sich da nicht auch ein Konkurrenzkampf darüber, wer moralisch überlegener ist?

Laura Wiesböck: Man kann sich dabei leicht verzetteln. Das sieht man nicht nur im Bereich „nachhaltige Lebensstile“, sondern auch sehr häufig im politischen Bereich. Progressiv orientierte Parteien haben oft das eigentlich große Ganze aus den Augen verloren, weil sie von überhöhten und elitären Ansprüchen getrieben sind, die den realpolitischen Anforderungen nicht gerecht werden.

Kontrast: Selbstgerechtigkeit kann man ja auch als Schutzmechanismus verstehen. Wie kann man sich wiederum vor diesem Schutzmechanismus schützen?

Laura Wiesböck: Man muss prinzipiell Interesse daran haben, sich selbstkritisch zu betrachten. Das ist ja nicht immer der Fall. Einfacher ist es, wenn man immer anderen die Schuld gibt, wenn etwas nicht funktioniert. Aber es sollte in einer aufgeklärten Demokratie die Aufgabe der Bürgerinnen und Bürgern sein, die eigenen Haltungen, Meinungen und Werte regelmäßig zu reflektieren und manchmal auch zu revidieren. Mein Vorschlag wäre, den selbstgerechten Blick, wenn man sich dabei ertappt, durch einen selbstkritischen zu ersetzen.

Parlament Das Thema "Demokratie" im Parlament

 

Sozialschmarotzer, Rassisten und Gutmenschen: Warum wir unsere sollten

 

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Ingeborg Bachmann (1926–1973) war eine österreichische Schriftstellerin, die der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur eine neue, scharfe Sprache gab. In ihrem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ schrieb sie über Krieg, Schuld und das fragile Weiterleben nach 1945. Ihr Roman „Malina“ erzählt von Identität, Macht und den inneren Brüchen einer Frau. Bachmanns Werk wirkt bis heute, weil es persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Gewalt eng miteinander verbindet. Zitat: Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht. Ingeborg Bachmann

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