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Für den Profit läuft der Baubetrieb trotz Hitzewelle

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Patricia Huber Patricia Huber
in Arbeit & Freizeit, Reportagen
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19. Juli 2022
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Auf der Baustelle bei 38 Grad im Schatten? Das ist für die meisten Bauarbeiter Realität. Denn die Möglichkeit „hitzefrei“ zu geben, ist in den allermeisten Betrieben nur Theorie. Auch Stefan Linsbauer kann sich in seinen 11 Arbeitsjahre als Gerüstbauer nur an wenig Tage erinnern, obwohl die Hitzetage immer häufiger wurden. Er hat uns von seinen Arbeitsalltag erzählt.

In Österreich beginnt die Hitzewelle – mit Temperaturen bis zu 38 Grad. In den Medien raten Mediziner, auf Sport und körperliche Anstrengungen im Freien zu verzichten. Doch für einige Menschen ist es nicht möglich. Einer von ihnen ist Stefan Linsbauer. Der Gerüstbauer arbeitet mit drei Kollegen auf der Baustelle des Wiener Kulturzentrums WUK als wir ihn treffen. Um das gesamte Gebäude im 9. Bezirk ziehen sie ein Gerüst hoch, auf dem später die Bauarbeiter an der Fassade arbeiten werden. Wie schwer die Arbeit ist, verstehen wir nach wenigen Minuten: In einer Art Flaschenzug ziehen die Männer mit ihrer Muskelkraft Stahlbretter nach oben – jedes von ihnen hat rund 25 Kilogramm. Acht Stunden pro Tag ziehen sie Schwermetall in die Höhe, bauen Gerüste von 6 Metern bis zu 100 Metern hoch. „Das höchste Gerüst, das ich aufgestellt habe, war vor der Votivkirche“, sagt Linsbauer. Mit leichtem Stolz im Lächeln fügt er hinzu: „Da muss man schon schwindelfrei sein“.

Zwei Tonnen pro Tag

Am Gehsteig gegenüber der Baustelle gehen Männer und Frauen mit Kaffeebechern ins Büro, schauen auf ihr Handy – es ist 9.00 morgens. Linsbauer und seine Kollegen arbeiten zu der Zeit schon seit zweieinhalb Stunden. „Heute ist es zum Glück nicht so heiß“, wir treffen ihn in der Woche vor der Hitzewelle in Wien. Um 4.15 steht Linsbauer jeden Tag auf, um 16.30 ist der Arbeitstag für ihn vorbei. Manche machen noch Überstunden, für ihn ist das nichts mehr – er will nachhause zu seiner Familie, mit ihnen ins Bad oder an seinem Hühnerstall basteln. Wie viel Kilo Material er jeden Tag so hebt, wollen wir wissen. Linsbauer überlegt, rechnet nach: Einen LKW mit 8 Tonnen Material baut eine Partie aus 4 Männern am Tag auf.

„Also jeder von uns hebt ein bis zwei Tonnen am Tag“, sagt er. 

Das jagt uns schon Ehrfurcht ein. „Früher hat man als Gerüstbauer ein kleines Vermögen verdient“, meint Linsbauer. „Auch heute verdiene ich nicht schlecht“. Auf 2.400 bis 2.600 Euro netto kommt der 3-fache Vater im Sommer, auf 2.200 bis 2.300 im Winter. Er ist seit 11 Jahren dabei, ein Anfänger kommt auf 1.600 – 1.700 Euro netto. Doch es ist ein Knochenjob. Ob das Geld den Verschleiß des Körpers aufwiegen kann?

„Jeder von uns ist hin“, gibt Linsbauer zu. Das schwere Heben geht auf den Rücken, die Bandscheiben, die Knie und die Gelenke. Nach 30 Jahren Arbeit ist kaum jemand mehr gesund.“

Stefan Linsbauer vor seinem Gerüst. Zu viert verschalen sie das ganze Gebäude um arbeiten an der Fassade zu ermöglichen.

Heute fällt ihm oft nur mehr im Hochsommer auf, wie schwer die Arbeit ist. „Aber als ich angefangen habe, bin ich jeden Tag um fünf am Nachmittag nachhause gekommen und völlig fertig ins Bett gefallen. Die Schultern waren offen, ich hab geblutet, die Haut war aufgerissen”. Er musste sich an die Arbeit erst gewöhnen und an die Gefahren auf der Baustelle. „Nicht jeder ist dafür gemacht“, meint der 30-Jährige. Von 100 Leuten, die anfangen, sind nach 3 Jahren nur mehr zwei dabei. Er selbst ist schon 11 Jahre Gerüstbauer bei der gleichen Firma. Sein Vorarbeiter ist über 50 und hat einen Herzinfarkt hinter sich. „Für die Partie heißt das auch, dass er weniger Druck und Stress macht als andere, das ist gut“. Am schlimmsten ist es für die, die bei ausländischen Sub-Firmen arbeiten. Weil dort wird nicht nach Arbeitszeit bezahlt, sondern pro Quadratmeter, den man aufgebaut hat.

„Da machen die Vorarbeiter dann enormen Druck, damit es scheller geht. Auch in der Hitze. Und im Stress passiert dann was“, sagt Linsbauer. 

Grundsätzlich können Bauarbeiter ab 32,5 Grad Celsius im Schatten hitzefrei bekommen. An solchen Tagen zahlt ihnen die Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse (BUAK) 60 Prozent ihres Gehalts. Doch das entscheidet der Dienstgeber. „Die Tage, an denen ich im Hitzeurlaub war, kann ich an einer Hand abzählen“, sagt Linsbauer und schildert Temperaturen von 35 Grad in der Sonne, bei denen sie ihre 8 Tonnen Material aufbauen – unten glüht der Asphalt, oben die Hausfassade. 2019 gab es 38 Hitzetage mit über 30 Grad, 2021 24 – mit Spitzenwerten an der 40-Grad-Marke. An einer Hand geht sich das nicht aus.

Bauarbeiter starb an Hitzschlag

An einem dieser Tage brach ein Bauarbeiter in Leoben auf der Baustelle zusammen, der 46-jährige Vater von zwei Kindern starb kurz darauf. Ein Blick auf die Klimadaten zeigt, dass Hitzetage keine Ausnahmeerscheinung mehr sind. Die Gewerkschaft drängt auf einen Rechtsanspruch für die Beschäftigten am Bau auf hitzefreie Tage.

Es wird immer heißer, doch der Anspruch auf Hitzefrei bleibt aus.

„Die 32,5 Grad werden im Schatten gemessen, da hat es in der Sonne oft schon 38 Grad und mehr.“ Bei Arbeiten wie dem Asphaltieren drückt die Hitze von oben und von unten. Asphalt wird bei Temperaturen zwischen 150 und 200 Grad aufgetragen, dazu kommt dann die Hitze aus der Luft. Der Rechtsanspruch auf Hitzeurlaub wird sozialpartnerschaftlich von der Wirtschaftskammer blockiert, im Parlament von der ÖVP. Laut Gewerkschaft gewährt nur rund die Hälfte der Baufirmen aktuell hitzefreie Tage, wenn die 32,5 Grad-Marke erreicht ist.

„Kein Bauwerk kann so wichtig sein, dass dafür die Gesundheit der Arbeiter gefährdet wird. Hitzefrei muss gesetzlich verankert werden. Kein Bauarbeiter soll wegen der Hitzebelastung gesundheitliche Schäden bis zum Tod erleiden. Alle Unternehmen und Auftraggeber müssen menschlich reagieren“, sagt Bau-Holz Gewerkschafter und Nationalratsabgeordneter Josef Muchitsch.

Eine Hitze-App soll den Bauarbeitern helfen, ihren Arbeitgebern die Hitzebelastung zu melden. Die Gewerkschaft hat die App zusammen mit der Umweltschutzorganisation Global 2000 und der Arbeiterkammer entwickelt. Über das Handy können Linsbauer und seine Kollegen eine „Echtzeit-Schnittstelle“ zur nächstgelegenen Messstelle der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) herstellen. Sind die 32,5 Grad im Schatten erreicht, folgt ein Warnsignal.

Enge Zeitpläne zur Gewinnmaximierung

Doch auf der Baustelle werden heutzutage die Zeitpläne eng geschnürt, jede Minute optimiert und die einzelnen Teams geben sich die Klinke in Hand, um die Gewinne zu maximieren. Da passen Ausfälle und Baustopps nicht rein. „Für die Leute ist das Arbeiten bei jedem Wind und Wetter nicht so leiwand, aber ich kann die Firmen irgendwie auch verstehen“, sagt Linsbauer. Er ist stolz darauf, in seinem Leben noch keinen Tag arbeitslos gewesen zu sein. Linsbauers Firma wurde kürzlich von der deutsche Unternehmensgruppe Remondis aufgekauft. Die gehört der Familie Rethmann, die mit einem geschätzten Vermögen von 6 Milliarden Euro auf Platz 10 der reichsten Deutschen steht. Sie verdienen ihr Geld nicht nur im Gerüstbau, sondern auch in der Abfallwirtschaft, mit Windparks und in der Wasserwirtschaft. 2021 lag der Umsatz bei 11,5 Milliarden Euro und damit um fast 3 Milliarden höher als ein Jahr zuvor. Die Baubranche boomte in den letzten Jahren. Dem Konzern geht es nicht schlecht. An extrem heißen Tagen freizugeben wäre für sie wirtschaftlich kein Problem – gerade in einer Branche in der ein Fehltritt auch den Sturz vom 6. Stock bedeuten kann.

Parlament Das Thema "Hitzefrei" im Parlament

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