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Eine ganze Stadt pflegt Depressive – mit Erfolg: Willkommen in Geel!

Eine ganze Stadt pflegt Depressive – mit Erfolg: Willkommen in Geel!

Kathrin Glösel Kathrin Glösel
in Europa, Good News, Politik
Lesezeit:4 Minuten
9. Januar 2020
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Eine Stadt als Pflege-Gemeinschaft – das ist das Konzept im belgischen Geel. Dort kümmern sich Pflegefamilien um psychisch kranke Menschen und nehmen sie bei sich auf, sogar für Jahrzehnte. Unterstützt werden die Familien von der städtischen Klinik. Den Patienten tut die neue Geborgenheit gut, sie haben weniger Krisen. Im Gegenzug helfen sie den Familien im Alltag und pflegen sogar ihre Gastgeber, wenn diese älter werden.

Mit einer Depression leben zu müssen ist schwer. Jeder Tag ist ein Kampf, man fühlt sich oft wie in einem finsteren Loch gefangen. Wenn sich dann auch noch Freunde und Familie abwenden, bleiben Betroffene sich selbst überlassen. Dabei bräuchten sie Menschen, die ihnen im Alltag helfen und eine Umgebung, in der sie sich geborgen fühlen.

Geel liegt eine 45-minütige Zugfahrt von Antwerpen entfernt. Dort versuchen die Bewohner genau das: Sie nehmen Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden, in ihre Familien auf. Sie bieten Halt und einen Alltag fern von Einsamkeit oder Dauer-Klinikaufenthalt. Oft entstehen daraus Freundschaften, die Jahrzehnte halten. Dieses Modell – Pflegefamilie statt Klinik – ist in der flämischen Stadt Geel Realität – seit 700 Jahren.

Pflegegemeinschaften in Geel: Betroffene nicht allein lassen

In Österreich leiden etwa 1,2 Millionen Menschen an einer psychischen Erkrankung. Trotzdem sind diese Krankheiten hier wie auch in anderen Ländern mit einem Stigma behaftet. Die Leiden werden oft nicht ernst genommen, die gefährlichen Folgen nicht erkannt.

Betroffene sind häufig in einem schwierigen Stadium: Zu gesund, um stationär auf Dauer versorgt zu werden. Aber zu krank, um alleine den Alltag zu bewältigen.

Das Konzept von Geel: Nicht nur auf Klinik-Aufenthalte und Tabletten setzen, sondern auch auf Integration in einer Gemeinschaft, die Betroffene auffängt.

Geel ist die letzte Hoffnung

Wer nach Geel kommt, hat in der Regel davor schon viel versucht: Therapien, Klinikbetreuung, Heimaufenthalte. Die kleine Stadt in Antwerpen ist für die Kranken die letzte Anlaufstelle. Auch dort kommen sie zunächst in eine Klinik: das Öffentliche Psychiatrische Krankenhaus (OPZ).

„Bevor sie hierherkommen, haben sie wirklich alles ausprobiert“, sagt Lieve Van de Walle. Sie war 2005 Koordinatorin der Abteilung Rehabilitation in der Klinik.

Im OPZ werden die Patientinnen und Patienten eine Weile beobachtet und betreut, damit die Ärzte die Lage einschätzen können. Stellt sich heraus, dass ein Leben allein nicht möglich ist, versuchen sie, eine passende Pflegefamilie in Geel zu finden. Der Vorteil: In den Familien haben die Betroffenen einen Alltag, Bezugspersonen und mehr Freiheiten. Ihnen ist nicht bloß ein Zimmer zugewiesen. Sie müssen nicht um Ausgang ansuchen, sondern können jederzeit in die Stadt gehen oder Familie und Freunde besuchen. Gleichzeitig haben sie die Sicherheit, dass es immer Rücksprache mit dem OPZ gibt, um medizinische Fragen zu klären.

Familien integrieren die Betroffenen

Das Bild zeigt das Wappen der Stadt Geel. Geel liegt in Belgien und dort gibt es Pflege für psychisch Kranke in privat Haushalten.
Das Stadt-Wappen von Geel

Mit potenziellen Pflegefamilien führen OPZ-Mitarbeiter Gespräche, bevor sie Patienten vermitteln. Über die genauen Diagnosen und Symptome wird dabei weniger gesprochen als über die Eigenschaften der Betroffenen. Besondere Trainings gibt es ebenfalls nicht. Die Familien gehen also sehr offen in die Betreuung hinein. Die medizinische Betreuung erfolgt über das OPZ.

Die Männer und Frauen, die die Familien in Geel aufnehmen, übernehmen auch Arbeiten im Haushalt oder ehrenamtliche Tätigkeiten in den örtlichen Betrieben: der Fahrradwerkstatt, der Buchbinderei oder der Gärtnerei. Sie helfen, einen Tagesryhthmus zu bekommen. In den Familien nehmen sie an Ausflügen und Besuchen teil, essen gemeinsam und verbringen auch sonst die Freizeit miteinander.

Und weil PatientInnen oft viele Jahre bei den Familien bleiben, kümmern sie sich auch umgekehrt um diese, wenn sie im Alter auf Hilfe angewiesen sind.

„Wir haben mehrere Familien, in denen die Gastgeber nun zu alt geworden sind, um für sich selbst zu sorgen und die Gäste kümmern sich nun um sie, erledigen Besorgungen und Hausarbeiten. Damit drehen sich die Rollen um: Sie ermöglichen den Gastgebern damit, in ihrem eigenen Zuhause zu bleiben statt in ein Seniorenheim zu ziehen“, erzählt OPZ-Psychologe Wilfried Bogaerts im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“.

Vom Programm ausgeschlossen sind gewalttätige PatientInnen sowie Sexualverbrecher.

Weniger Krisen bei 1/6 der Kosten

Die Klinik der Stadt unterstützt die Familien. Es gibt AnsprechparnterInnen, die PatientInnen beziehen ihre Medizin und die Familien bekommen eine finanzielle Entschädigung von etwa 600 Euro monatlich. Das soll die zusätzlich Lebenshaltungskosten ausgleichen. Es ist nicht viel. Für die öffentliche Hand ist es noch dazu viel günstiger als wenn die PatientInnen im Krankenhaus betreut würden. Ein Monat dort würde nämlich etwa 3.600 Euro kosten – also sechs Mal mehr als die Pflegefamilie.

Das Ergebnis der Pflege-Gemeinschaften: „Die meisten Hausgäste fühlen sich wohler als in Heimen, sie brauchen weniger Medikamente, sind besser integriert und erleben weniger häufig akute Krisen“, sagt Bogaerts.

Ein Pflegemodell, das 700 Jahre alt ist

Das Geeler Modell wird als „ältestes Psychiatrieprogramm der westlichen Welt“ bezeichnet. Es geht zurück auf einen Mythos rund um die irische Prinzessin Dymphna. Sie erlitt ein tragisches Ende, denn ihr psychisch kranker Vater soll sie im 7. Jahrhundert in einem Wald bei Geel getötet haben.

500 Jahre später beginnen kranke Menschen, zu Dymphnas Grab in Geel zu pilgern. Sie hoffen auf Wunderheilungen. Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Geel haben die Heilsuchenden gastfreundlich empfangen. Wenn Gasthäuser und die Kirche keine Schlafplätze mehr hatten, haben die Bewohner ihre Türen geöffnet. Aus diesen Begegnungen entwickelten sich Freundschaften – und neue Lebensgemeinschaften.

Noch bevor es also so etwas wie eine Klinik für psychisch kranke Menschen in Geel und Umgebung gab, haben sich Familien um die Betroffenen gekümmert und sie in ihr Leben integriert. Bis ins 19. Jahrhundert hat die Kirche Familien vermittelt, die Kranke aufnehmen, danach haben Ärzte und Ärztinnen das übernommen.

Probleme gibt es dennoch

Geel hat aktuell etwas weniger als 40.000 BewohnerInnen – und die Zahl der Pflegefamilien sinkt. Waren nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 4.000 PatientInnen so untergebracht, sind es nun weniger als 200. Einerseits verbessern sich auch Medikamente und damit die Stabilität der Erkrankten. Andererseits nehmen einfach auch weniger Familien die Mühen einer Betreuung auf sich – vor allem die jüngeren wollen nicht mehr. Meist stellen Familien ihre Zeit und ihr Haus erst zur Verfügung, wenn die eigenen Kinder außer Haus sind

Kritisiert wird zudem die niedrige Entschädigung. Die Familien haben Mehrausgaben und tragen viel Verantwortung. 20 Euro pro Tag können das kaum auffangen.

Und dennoch: Geels Pflegefamilien bieten psychisch kranken Menschen eine Alternative zu Klinik-Leben mit seiner Bürokratie und Abschottung – und damit die Chance auf ein glückliches Leben und Geborgenheit.

Parlament Das Thema "Pflege" im Parlament

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Roger Pelgrims
Roger Pelgrims
12. Januar 2020 20:45

Hallo, das Foto bei dem Artikel über Geel in Belgien zeigt nicht Geel, sondern Gent.

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Der niederländische Historiker Rutger Bregman wurde 2019 einem neuen Publikum bekannt, als er beim Wirtschaftsgipfel in Davos kritisiert hat, dass man dort nicht genug über Steuern und Gerechtigkeit spricht. Der Auftritt wurde zu seinem Markenzeichen. Nun hat er in einer Talkshow den norwegischen Milliardär zur Rede gestellt, warum der sein Vermögen nicht besser für die Gemeinschaft nutzt. Bregman findet: Wer enormen Reichtum hat, soll diesen auch nutzen, um die Welt besser zu machen. Er fordert mehr moralische Ambition. Zitat: Ich fordere nicht, dass wohlhabende Menschen ihre Strandhäuser, Luxusautos oder Rolex-Uhren aufgeben. Ich fordere sie auf, zukünftige Historiker stolz zu machen. Die Geschichte erinnert sich nicht an Anlageportfolios. Sie erinnert sich an jene, die alles auf eine Karte gesetzt haben - die ihre Ressourcen, ihre Karrieren und ihren Ruf genutzt haben, um für etwas zu kämpfen, das größer ist als sie selbst. Rutger Bregman

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