Alles zur Ibiza-Affäre
Andrea Maria Dusl - Comandantina

Divide et impera

Foto: Andrea Maria Dusl

Wer brav ist und fleißig, gut in Deutsch und Rechnen, wer tapfer mitsingt und regelmässig beichtet, der darf ins Gymnasium. Das war seit dem Biedermeier die Losung für eine bürgerliche Bildungskarriere. Im Gymnasium hing der Himmel voller Perspektiven. Wer bürgerlicher Herkunft war, die bäuerliche (oder gar proletarische) hinreichend verschwiegen konnte, dem standen bei ökonomischer Potenz der Eltern die beiden Stufen gymnasialer Bildungsreife offen. Die Drohung einer Paradiesfahrt in die Fächer des bürgerlichen Kanons, die mahnende Ermunterung, sich in den Texten der Antike zu verlieren, Kegel zu schneiden und Kurven zu diskutieren, zu differenzieren und zu integrieren, Hegel zu lesen und Spinoza, Shakespearesonette und Wittgensteintraktate. Das Ziel aller Ziele war die Matura. Die Eintrittskarte zur Alma Mater. Wo man Lehrer wurde und im Kreislauf blieb.

Oder, familiäre Disposition vorausgesetzt, ein Studium aus der Trias der akademischen Bürgerlichkeit wählte: Jus, Medizin, Pharmazie. Das waren die Weichen. Die Bastler gingen auf die Technik. Neurotikern stand die Pflege eines Orchideenstudiums offen. Germanistik, Theaterwissenschaft, und, nanana: Architektur. Im wesentlichen wurden Ärztekinder Ärzte, Kinder von Juristen Doktoren der Rechte und Apothekerkinder Pharmazeuten. Die Söhne von Diplomaten wurden Diplomaten, die der Theologen Bürgermeister. Mädchen ducheilten die Knödelakademie und heirateten an den Herd.

Generationen hindurch galt dieser bürgerliche Masterplan. Hin und wieder musste es der Papa richten. Bildungsideal und Karriere-Versprechen sind noch heute mariatheresianischen Charakters. Eingelöst werden sie indes kaum noch. Der amtierende Volksparteileiter hat als höchsten Bildungsabschluss die Matura und straft damit die Bildungsdogmata seiner Gesinnungsklientel böse Lügen. Kurz gesagt.

Ein Studium, ob abgebrochen oder absolviert führt jenseits prominenter Parteikarrieren immer öfter ins Prekariat, in die SVA-Falle und ins Schuldenrad. Wer nicht Coach wird oder Lebensberaterin, fährt Taxi, äh Uber. Die Akademikerrate unter Sandlern steigt. Griechenland ist keine Option mehr für Aussteiger. In der Gesellschaft lagert sich ein Sediment akademischen Scheiterns ab. Sind wir am Ende? Nein. Rettung naht von unerwarteter Seite. Wirtschaftsstudenten weltweit, konfrontiert mit den krisenhaften Ergebnissen falscher Theorien fordern mit steigendem Druck eine Änderung von Lehre und Forschung. Auch und besonders im Feld ihrer Interessen: Der Ökonomie. Das riecht nach Revolution.

Das weiß auch Aspirant Kurz. Oder besser: Seine Berater wissen es und er ahnt es. Die Zweiteilung der Bildung und die Perpetuierung ertaubter Ideale darf nicht beendet werden, denn sie festigt eines der Paradigmen rechtskonservativer Politik, die Zweiteilung der Gesellschaft. Divide et impera. Das riecht nicht nach Zukunft.

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H. W. Valerian
H. W. Valerian

Bei allem Respekt + aller Hochachtung für euren Kontrats-Blog, aber wenn’s um die österreichische Schule geht… Ich gehör zu der Generation (geb. um 1950), da zeichnete sich unser Bildungssystem eben dadurch aus, dass so viele „aufsteigen“ konnten, hauptsächlich mittels des – damals so genannten – MUPÄD, später BORG. Als ich an der Uni war – erste Hälfte der 70er Jahre – da traf ich, städtisches Bürgersöhnchen aus dem Gymnasium, auf die Kollegen und Kolleginnen von diesen BORGs: ländliche Regionen, gänzlich anderer sozialer Hintergrund. Da lernte ich eine ganz neue Welt kennen! Und was das tollste war: Da gab’s keinen qualitativen… Weiterlesen »

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Es ist ja wirklich sehr nachdenkenswert, wenn sich ein Bewerber um den verantwortlichsten Job des Landes hinstellt und „fordert“: Wenn jemand nach 9 Jahren die Schule verlässt, muss er rechnen, schreiben und lesen können! Es gab eine Zeit, da mussten das mit einer Selbstverständlichkeit jeder Volksschüler nach 4 Jahren können!!! Heute verlangt und fordert man das nach 9 Jahren!?!?!? Da stellt sich intensiv die Frage, wie schaut es dann mit der Bildung unserer Studenten, Akademiker und Experten aus? Welch Qualität an Ausbildung und welch Richtung von Anforderungen werden und müssen Akademiker überhaupt vorweisen können? Die Probleme die weltweit durch hoch… Weiterlesen »

Karl Frahmann
Karl Frahmann

Glauben Sie, dass Kurz eine größere Macht als Kreisky, Schüssel, Gusenbauer, Klima und Vranizky in Österreich anstrebt, weil er mehr Rechte für den Bundeskanzler verlangt? Ist er dann mächtiger als der Bundespräsident und muss dieser dann nach seiner Pfeife tanzen?

Johann Jemand
Johann Jemand

Mehr Rechte braucht ein Politiker , der vor hat eine Diktatur zu errichten ! Also ein Politiker, der im Parlament allein regieren möchte. Mit Demokratie hat dies nichts mehr zu tun.
Siehe Türkei !!

Klaus Madersbacher
Klaus Madersbacher

das riecht schon nach Zukunft – nach einer scheißzukunft. mit einem bösen basti kurz und ohnmächtigen sozis wird uns diese wohl nicht erspart bleiben, gell?

Christa Winter
Christa Winter

Ich habe ehrlich gesagt auch gerne Gefühl, dass uns nichts erspart bleibt, wenn basti eine Legislaturperiode lang dahin werkelt.

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