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Freizeit oder Arbeitslosigkeit – Wer bestimmt, was die Roboter bringen? Ein Interview mit Jörg Flecker.

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Freizeit oder Arbeitslosigkeit – Wer bestimmt, was die Roboter bringen? Ein Interview mit Jörg Flecker.

Arthur Caranta / Flickr: CC BY SA 2.0

Patricia Huber Patricia Huber
in Arbeit & Freizeit, Digitales Leben, Innovation
Lesezeit:4 Minuten
31. Januar 2017
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Wird die Digitalisierung Heere von Arbeitslosen produzieren? Oder ermöglichen intelligente Maschinen mehr Freizeit und Wohlstand für alle? Das hängt vor allem von politischen Entscheidungen ab, erklärt der Soziologe Jörg Flecker von der Universität Wien in einem Interview.

Kontrast: Was heißt es überhaupt, dass intelligente Maschinen menschliche Arbeit verdrängen? Wie weit kann das gehen und was bedeutet es, wenn z.B. 40 Prozent meines jetzigen Arbeitsalltags von einem Roboter übernommen werden und die restlichen 60 Prozent mich als Menschen brauchen?

Jörg Flecker: Berufe und Tätigkeiten sind eigentlich in einem ständigen Wandel. Neue Technik ändert die Arbeit, gleichzeitig gibt es Verschiebungen in der Arbeitsteilung zwischen Berufen und Stellen. Nur in Ausnahmefällen wird ein Beruf kurzfristig in Frage gestellt, wie das früher bei den Schriftsetzern beim Umstieg vom Bleisatz auf den Fotosatz der Fall war. Damals gab es auch noch Schreibdienste, in denen auf Tonband diktierte Texte abgetippt wurden. Nun schreiben Sachbearbeiterinnen ihre Schriftstücke selbst – und Manager ihre E-Mails und Präsidenten vermutlich ihre Tweets. Roboter haben in den Fabriken Schweißer ersetzt, die Roboter müssen aber programmiert und gewartet werden. Menschen übernehmen also andere Tätigkeiten, wenn sie nach wie vor Arbeit finden. Ein Resultat dieses Prozesses könnte natürlich auch sein, dass wir insgesamt weniger Stunden arbeiten müssen.

© Astrid Knie
Soziologe Jörg Flecker von der Uni Wien

Können wir also davon ausgehen, dass Computer und Automatisierung die Arbeit erleichtern und wir mehr Freizeit genießen können, während Roboter die notwendige Arbeit erledigen? Gleichzeitig fürchten wir uns doch davor, massenhaft arbeitslos zu werden.

Flecker: Das zeigt, dass Digitalisierung nicht nur eine technische Frage ist, sondern auch eine von Gestaltung und Verteilung. Wer eignet sich die Produktivitätsgewinne in welcher Form an? Dabei geht es zum einen um Einkommen, also um Löhne und Gehälter bzw. Gewinne, und zum anderen um Zeit, etwa um kürzere Arbeitszeit, um mehr Zeitwohlstand. In der Vergangenheit wurde die Verteilungsfrage so gelöst, dass die Einkommen der Arbeitenden stiegen und deren Konsum erlaubte eine Ausweitung der Produktion. Doch diese Lösung ist jetzt durch wachsende Ungleichheit nicht mehr gegeben, außerdem müssen wir die Endlichkeit der Ressourcen und ökologische Grenzen mitdenken.

Können Roboter etwa auch Berufe wie Ärztin, Pfleger oder Lehrerin übernehmen? Oder gibt es Branchen und Berufe, die immer Menschen brauchen werden?

Flecker: Es wird derzeit intensiv mit Pflegerobotern experimentiert. Künstliche Intelligenz wird zur Diagnose von Krebs herangezogen. In den Gesundheitsdiensten, wie in den Dienstleistungen im Allgemeinen, haben wir aber einen großen Anteil an interaktiver Arbeit. Das heißt, dass die Dienstleistung in persönlicher Kooperation mit der Kundin oder dem Kunden erstellt wird. In manchen Bereichen wird das so bleiben, in anderen werden die KundInnen auf die persönliche Interaktion verzichten (müssen).

Und in einigen Bereich werden Kunden wahrscheinlich aufgeteilt: In eine Gruppe, die eine teure und anspruchsvolle persönliche Betreuung bekommt, und in eine andere Gruppe, die mit Selbstbedienung und Robotern versorgt wird.

Neue Technologien wie das Smartphone haben auch unser Leben außerhalb der Arbeit, unsere Beziehungen zueinander, unsere Freizeitaktivitäten verändert. Lässt sich die Grenze zwischen Arbeit, Freizeit und Konsum überhaupt noch klar ziehen?

Flecker: Für immer mehr Beschäftigte lässt sich die Grenze zwischen Arbeitszeit und privater Zeit immer weniger klar ziehen. Dies hat nicht nur mit den Smartphones und dem PC zu Hause samt Zugang zu Firmendaten zu tun. Auch die Arbeitszeit ist variabler geworden, die Konkurrenz unter den Arbeitenden wird über ständige Bereitschaft ausgefochten und die Firmen überbieten einander mit kürzeren Lieferfristen und mehr Flexibilität. Aber die Verwendung von Smartphones sowohl für private als auch berufliche Zwecke hat die Entgrenzung noch zunehmen lassen, und die Aufgabe der Grenzziehung wird zunehmend den einzelnen Arbeitenden aufgebürdet.

Ist es möglich, dass sich Jobverluste und neu entstehende Jobs ausgleichen, die Umschichtung der Arbeit zwischen Branchen und Arbeitsfeldern also eine Art Null-Summen-Spiel wird?

Flecker: Es ist grundsätzlich schon denkbar, dass es zu einem Ausgleich kommt. Allerdings nicht ohne Anpassungszeit und Anpassungskosten. Denn die Verluste an Jobs betreffen bestimmte Leute, die in der Regel nicht gleich die neu entstehenden übernehmen können.

Seit den 1970er Jahren hat die aktive Arbeitsmarktpolitik den Strukturwandel begleitet, um diese Anpassung auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Ein konkretes Beispiel in Österreich sind die Arbeitsstiftungen. Sie werden eingesetzt, wenn ein Unternehmen eine große Zahl von Arbeitsplätzen abbaut oder eine Branche insgesamt in Schwierigkeiten gerät. Aber der Erfolg solcher Maßnahmen hängt auch davon ab, ob es neue Arbeitsplätze gibt, für die die Betroffenen umgeschult werden können.

Mangelt es insgesamt an Nachfrage, dann investieren die Unternehmen zu wenig in neue Arbeitsplätze und der Staat spart im öffentlichen Dienst. So ist ein solcher Ausgleich nicht möglich. Zusätzlich zur Arbeitsmarktpolitik braucht es bei mangelndem Wachstum also eine Beschäftigungspolitik etwa in Form einer Arbeitszeitverkürzung oder staatlicher Investitionen.

Digitalisierung geht auch mit Phänomenen wie Crowd-Working oder anderen Formen prekärer Beschäftigung einher. Wie können sich diese digitalen Tagelöhner organisieren, um ihre Rechte durchsetzen? Ist ein „digitaler Streik“ vorstellbar?

Flecker: Crowdworker organisieren sich bereits in verschiedenen Formen. Sie tauschen sich in Online-Foren aus oder bauen Bewertungssysteme für Arbeitgeber auf. Dabei nützen sie genau die Potenziale der Technik, die ihre Arbeit und ihre Beschäftigungsform erst möglich machten. Sie haben aber die große Schwierigkeit zu überwinden, dass sie in dieser Beschäftigungsform hochgradig vereinzelt sind. Handelt es sich noch dazu um global verteilte Arbeit, ist eine Solidarisierung und Organisierung bis hin zum Streik kaum vorstellbar. Aber vielleicht war es im frühen 19. Jahrhundert auch sehr schwer vorstellbar, dass sich die Tagelöhner eines Landes zusammentun und große Verbesserungen für sich erkämpfen könnten.

Jörg Flecker ist Professor für Sozologie an der Universität Wien. Er forscht zum Wandel der Beschäftigungssysteme, zur Digitalisierung der Arbeit und zur Veränderungen im öffentlichen Dienst in europäischen Wohlfahrtsstaaten. Am 24. Jänner 2017 war er im Renner Institut für einen Vortrag zu den Risiken und Chancen der Digitalisierung zu Gast.

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Ingeborg Bachmann (1926–1973) war eine österreichische Schriftstellerin, die der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur eine neue, scharfe Sprache gab. In ihrem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ schrieb sie über Krieg, Schuld und das fragile Weiterleben nach 1945. Ihr Roman „Malina“ erzählt von Identität, Macht und den inneren Brüchen einer Frau. Bachmanns Werk wirkt bis heute, weil es persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Gewalt eng miteinander verbindet. Zitat: Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht. Ingeborg Bachmann

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