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Arbeit im Ausnahmezustand – Behindertenbetreuerin: „Sie sollen nicht merken, dass wir uns Sorgen machen“

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Sozialhilfe statt Mindestsicherung: Kürzungen bei Kindern, Lernschwachen und pflegenden Eltern

Eltern, die ihre behinderten Kinder pflegen, haben in Zukunft weniger.

Marco Pühringer Marco Pühringer
in Gesundheit
Lesezeit:4 Minuten
16. März 2020
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Wegen der Corona-Epidemie hat sich der Alltag in Österreich radikal geändert. Wer Glück hat, kann von zu Hause aus arbeiten – für manche bedeutet die Krise aber auch den Verlust der Arbeit. Andere wiederum müssen jeden Tag an ihren Arbeitsplatz – komme was wolle. Das sind Menschen, die oft wenig verdienen, aber alles geben. Diese Personen wollen wir vor den Vorhang holen. Im ersten Teil der Reihe „Arbeiten im Ausnahmezustand“ haben wir mit Marina gesprochen. Sie betreut Menschen mit Beeinträchtigungen, die in der aktuellen Situation besonders leiden.

In Zeiten von Corona und Arbeit ist vieles schwer. Marina arbeitet in einem Sozialberuf und betreut Beeinträchtigte. Sozialearbeit wie diese ist in Zeiten von Corona besonders wichtig. Das Bild zeigt Marina vor grünem Hintergrund.
Marina arbeitet in einer Wohngruppe für Menschen mit Beeinträchtigungen in Wien.

Marina arbeitet in einer betreuten Wohngemeinschaft für Menschen mit Beeinträchtigungen in Wien. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sind keine Großverdiener, der Lohn laut Kollektivvertrag liegt bei gut 2.000 Euro brutto für Vollzeit. Dennoch geben Marina und ihre Kolleginnen in der aktuellen Lage alles, um das Leben für ihre Klientinnen und Klienten in dieser Ausnahmesituation so angenehm wie möglich zu machen – auch wenn es für sie dadurch zu mehr Belastung und Arbeit kommt.

Für viele ihrer Bewohner ist die Corona-Gefahr groß. Einige gehören durch andere Erkrankungen sogar zur Risikogruppe. Menschen mit Autismus-Spektrums-Störung wiederum sind schwer irritiert: Ihnen fällt es besonders schwer, ihren jahrelang erprobten Alltag plötzlich zu verändern. Nicht nur für sie ist es nicht einfach zu verstehen, wieso sie nicht mehr in die Arbeit können, und sich der gewohnte Tagesablauf verändert hat. Die Betreuerinnen versuchen es ihnen aber so gut wie möglich in leichter Sprache zu erklären und sie zu beruhigen. Andere Bewohner haben psychische Erkrankungen, leiden an einer Intelligenzminderung oder sind körperlich stark beeinträchtigt. Viele können ohne die Betreuerinnen und Betreuer ihren Alltag schlicht nicht meistern.

Wir haben mit Marina über ihre Arbeit als Behindertenbetreuerin im Ausnahmezustand gesprochen.

Wie hat sich dein Job seit Corona verändert?

Es hat sich einiges verändert. Normalerweise sind untertags acht von elf unserer Klienten in betreuten Arbeitsstätten oder Tagesstrukturen. Das wurde jetzt eingestellt und das ist gut, immerhin gehören viele von ihnen zur Risikogruppe für Corona. Das Problem ist nur: Der Betrieb ist darauf eingestellt, dass bis 14:00 eine Betreuerin für drei Personen zuständig ist.

Es müssen also jetzt fast viermal so viele Menschen betreut und beschäftigt werden.

Unsere Chefin gibt sich aber sehr viel Mühe den Mehraufwand, der jetzt auf uns zukommt, gut abzudecken, damit Bewohner und Betreuer so gut wie derzeit möglich mit der Situation klarkommen.

Bekommen deine Klienten die Mehrbelastung mit?

Wenn ich Nachtdienst habe, stehe ich um 06:00 auf und helfe bei den Toilettengängen, beim Waschen und Anziehen. Normalerweise ist man damit bis 09:00 fertig und meine Klienten können in ihren Tag starten. Normalerweise hat man dabei aber auch eine Unterstützung, diese fällt jetzt aber weg, um die Stunden zu sparen und wo anders einzusetzten.  Jetzt, wo man alleine für elf Personen zuständig ist, schafft man das nicht mehr. Schließlich wollen wir alle menschlich behandeln und uns die nötige Zeit für sie nehmen. Das bedeutet aber auch, dass manche länger liegen bleiben müssen, als sie wollen.

Ihnen wird damit ein Teil ihrer Selbstbestimmung genommen.

Welche Änderungen im Alltag deiner Klienten hat es noch gegeben?

Für sie ist das natürlich eine große Herausforderung. Sie sind jetzt permanent zuhause, Kaffeehaustreffen und Besuche ihrer Angehörigen fallen aus, die waren ihnen natürlich immer besonders wichtig. Ihre sozialen Kontakte beschränken sich im Wesentlichen auf uns. Natürlich trifft diese Isolation große Teile der Bevölkerung.

Meine Klienten können aber teilweise die Infos nicht verarbeiten und tun sich schwer zu begreifen, was da gerade passiert.

Ganz konkret für ihren Alltag bedeutet es leider auch andere schwere Einschränkung. Sie sind es gewohnt, tagsüber an ihrem betreuten Arbeitsplatz zu sein, das gibt Halt und macht ihnen Freude. Gewohnte Tagesabläufe sind für viele von ihnen sehr wichtig. Ihren Alltag jetzt umzustellen, ist schon eine Herausforderung.

Auf was achtest du gerade besonders?

Ich schaue, so gut es geht, dass meine Klienten weiterhin die bestmögliche Betreuung bekommen. Wir tun alles, damit sie weiterhin menschlich behandelt werden, auch wenn wir überlastet sind. Wir achten aber auch einfach auf Dinge, wie etwa, dass sich alle die Hände regelmäßig waschen. Der Spaß im Alltag darf natürlich gerade jetzt auch nicht zu kurz kommen.

Am wichtigsten ist mir aber, dass sie nicht mitkriegen, dass wir uns alle Sorgen machen. Ich möchte, dass sie beruhigt leben können.

Was macht dir Sorgen?

Ich selbst bin jung und gehöre nicht zur Risikogruppe. Falls ich den Virus habe, werde ich ihn eventuell gar nicht bemerken. Ich muss jeden Tag mit der U-Bahn in die Arbeit fahren und fürchte mich, dass ich das Virus in die Wohngruppe bringe. Wie gesagt: Viele meiner Klienten gehören aufgrund ihrer Vorerkrankungen zur Risikogruppe.

Was würde passieren, wenn es bei euch einen Corona-Fall gibt?

Ich gehe davon aus, dass dann leider gleich mehrere erkranken. Was genau passiert, wer in Quarantäne muss? Ob es nur die Erkrankten trifft oder alle inklusive der Betreuerinnen? Das weiß ich leider einfach nicht. Ich weiß auch nicht, was passiert, wenn Betreuerinnen erkranken. Dann haben wir noch weniger Personal. Für viele ist es auch nicht leicht, sich auf neue Bezugspersonen einzustellen. Ich weiß also einfach nicht, was passieren wird. Wir hoffen derzeit nur das Beste.

Wir müssen alle jetzt einfach zusammenhelfen, damit das alles gut ausgeht.

Das klingt sehr hart, wie geht es dir?

Ich versuche, positiv zu bleiben. Generell ist es ein psychisch belastender Job – auch ohne Corona-Epidemie. Aber ich arbeite dort leidenschaftlich gerne. Aber es geht einem natürlich schon nahe, wenn man in Zeiten wie diesen noch mehr Stunden in diesem Beruf arbeitet.

In einer Zeit, in dem generell vieles einfach scheiße ist – man sorgt sich ja nicht nur um Klienten, sondern auch um seine eigene Familie.

Möchtest du uns noch etwas sagen?

Leute, auch wenn es euch persönlich nicht betrifft: Es gibt Menschen, für die das Virus lebensbedrohlich ist. Ein gutes Buch lesen, in die Badewanne gehen, zeichnen, schreiben etc. Die Zeit nutzen, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen… Keine Panik, aber bitte geht nicht raus, wenn ihr nicht unbedingt müsst.

Wichtig ist jetzt nicht nebeneinander zu arbeiten, sondern miteinander.

Helft einander und bleibt zu Hause, leichter hat man noch nie Leben gerettet.

Parlament Das Thema "Sozialarbeit" im Parlament

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1 Kommentar
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Simone
Simone
17. März 2020 18:16

Danke an Marina und ihre Kollegen und Kolleginnen! Viel Kraft für die nächsten Wochen <3

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