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Einer von 20.000: Arbeit nach 6 1/2 Jahren

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Patricia Huber Patricia Huber
in Schwarz-Blau, Video
Lesezeit:3 Minuten
30. November 2017
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Gerd lacht, wenn man ihn fragt, wie der erste Arbeitstag nach fast 6 Jahren Arbeitslosigkeit gewesen ist. „Ein bißchen wie der erste Schultag“, meint er. Verlernen könne man es ja nicht, das Arbeiten. Die Hoffnung auf ein normales Leben, auf einen akzeptablen Job und leistbare Freizeit hatte er mit den Jahren aber schon fast aufgegeben.

Gerd arbeitet heute im Verein Interface, macht dort Bürotätigkeiten, die Buchhaltung und Organisation – den Job hat er über die Aktion 20.000 gefunden. Über 100 Bewerbungen und Kurse haben ihm nichts gebracht bei der Arbeitssuche. „Du landest bei irgendeiner Personalvermittlungsagentur und da wirst du ab einem bestimmten Alter automatisch aussortiert. Was du kannst und leisten würdest, kannst du denen gar nicht zeigen“, erzählt Gerd.

Jahrelange Arbeitslosigkeit: Es ist fast wie im Gefängnis

In Österreich geht es über 90.000 Menschen über 50 wie ihm. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet, und sind in einem ungünstigen Alter arbeitslos geworden. Ab 50 ist es unvergleichlich schwerer wieder einen Job zu finden. Während die Arbeitslosigkeit ingesamt zurückgeht, hat sich für die über 50-Jährigen die Situation am Arbeitsmarkt gar nicht enspannt.

Egal wie engagiert jemand wie Gerd auf Arbeitssuche ist, wie viele Bewerbungen auch geschrieben werden, für viele klappt es trotzdem nicht. Weil Arbeitgeber davon ausgehen, dass ältere Arbeitnehmer teurer sind und Flexibilität und Leistungsfähigkeit mit Jugend verknüpft werden.

Auf den älteren Arbeitssuchenden lastet damit ein ständiger Druck, der sich aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit und der Angst speist. Gerd hat das sehr zu schaffen gemacht und ganz gelungen ist es ihm nie, die Ablehnungen nicht auf sich persönlich zu beziehen.

„Du sitzt zuhause und weißt nicht mehr, was du machen sollst. Es ist fast wie im Gefängnis. Draußen ist das Leben, aber du kannst es dir nicht leisten, daran auch teilzunehmen.“

Kino und Restaurantbesuche waren ausgeschlossen, und im Supermarkt musste er ständig rechnen, was er sich leisten kann.

„Das war die letzte Chance und es hat auch gleich geklappt“

Als er von der Aktion 20.000, einem Arbeitsmarktprogramm für ältere Langzeitarbeitslose, erfuhr, hat er sich sofort dafür gemeldet. „Das war die letzte Chance und es hat auch gleich geklappt“, sagt Gerd. Seit Juli 2017 arbeitet er jetzt wieder Vollzeit als Bürokraft bei Interface – er ist einer der Ersten, die über die Aktion 20.000 wieder einen Job gefunden hat. Mit den KollegInnen klappt es gut, Koppensteiner hat sich schnell eingarbeitet. Er weiß, dass er gebraucht wird.

Das baut ihn auf. Eine gewisse Verlegenheit ist übrig geblieben aus der langen Zeit der Arbeitslosigkeit. Aus einer Zeit, in der er sich nicht wirklich als Teil dieser Gesellschaft gefühlt hat.

Gerd kennt sich aus mit Politik. Er sagt, dass er weiß, dass Konzernen im Wahlkampf 4 Mrd. Euro Steuererleichterungen versprochen wurden. Dennoch, er hat das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen, dass jetzt Geld in die Hand genommen wird, um Menschen wie ihn am Arbeitsmarkt zu unterstützen. „Ich werde hier wirklich gebraucht“, sagt er, oder „Ich zahle jetzt mehr Abgaben, konsumiere mehr und kurble dadurch die Wirtschaft an, ich koste dem Staat weniger als vorher“.

Aktion 20.000 unter Beschuss

Wobei Gerd Recht hat: Auch ArbeitsmarktexpertInnen gehen davon aus, dass die Zusatzkosten durch die steigende Kaufkraft und den besseren Gesundheitszustand der TeilnehmerInnen in absehbarer Zeit kompensiert werden. Dennoch hat Schwarz-Blau als erste Maßnahme für 2018 angekündigt, die Aktion 20.000, mit der 20.000 Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose über 50 Jahren neu geschaffen werden sollen, zu streichen. Die Aktion hätte 780 Mio. Euro gekostet, wobei laut Sozialministerium 580 Mio. Euro davon das ohnehin fällige Arbeitslosengeld darstellen – die Mehrkosten wären also bei 200 Mio. Euro gelegen – um’s Geld kann es Schwarz-Blau also nicht gehen.

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1 Kommentar
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Bernhard Kellner
Bernhard Kellner
1. Dezember 2017 19:14

Herzlichen Dank für diese Innenansicht einer erstickenden Problemlage.
Der Hoffnung, die Herr Gerd am Schluss des Interviews ausdrückt, ist an sich nichts hinzuzufügen – außer vielleicht eines:
Es ist bemerkenswert, was das schwarz-blaue Schattenkabinett bereits im Vorfeld einer Regierungsbildung diesbezüglich angerichtet hat.
Für ein Projekt wie die Aktion 20.000 braucht es Vertrauen und guten Mut seitens der potenziellen Arbeitgeber. Indem jetzt ausgerechnet das geplante Abwürgen dieser Aktion aus den ‚Geheimgesprächen‘ zwischen den künftigen Koalitionspartnern an die Öffentlichkeit dringt, wird systematisch Unsicherheit geschaffen. Der potenzielle Arbeitgeber – der vielleicht eine kleine Kultureinrichtung ist, die sich jeden Investitionsschritt ganz genau überlegen muss – wird dadurch gezielt abgeschreckt…

P.S.: Herr Gerd hat – auf den allerersten Blick – Ähnlichkeit mit dem französischen Philosophen Frédéric Worms, der viel über Vitalismus (und in weiterer Folge über Macht, Kreation, Trauer, Überleben…) nachgedacht hat und im deutschen Sprachraum noch wenig bekannt ist.
Sollte nun tatsächlich eine gesellschaftliche Gruppe, die der Einwohnerzahl einer durchschnittlichen österreichischen Kleinstadt entspricht, um die Möglichkeit der gesellschaftlichen Partizipation geprellt werden, hoffe ich, dass sich unter den Bewohnern dieser tristen, gespenstisch unbeweglich erscheinenden Stadt häretische Netzwerke bilden, die – u.a. Frérdéric Worms lesend – die entschlossene Übermalung des türkis-schwarz-blauen Tableaus vorbereiten…

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Ingeborg Bachmann (1926–1973) war eine österreichische Schriftstellerin, die der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur eine neue, scharfe Sprache gab. In ihrem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ schrieb sie über Krieg, Schuld und das fragile Weiterleben nach 1945. Ihr Roman „Malina“ erzählt von Identität, Macht und den inneren Brüchen einer Frau. Bachmanns Werk wirkt bis heute, weil es persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Gewalt eng miteinander verbindet. Zitat: Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht. Ingeborg Bachmann

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