Mit der Entführung des Präsidenten von Venezuela, Nicolás Maduro, kehren die USA zu einer machtbasierten Einflusslogik in Lateinamerika zurück, die viele in der Region längst überwunden glaubten. Im Interview analysiert der Politikwissenschafter Ulrich Brand, warum Lateinamerika in der neuen Sicherheitsstrategie der USA wieder zur geopolitischen Priorität wird: Es geht um Rohstoffe, Lieferketten, Investitionsströme – und um die Absicherung der globalen Vormachtstellung des US-Dollar.
Kontrast: Herr Brand, die USA haben Nicolás Maduro entführt und militärisch interveniert. Wie außergewöhnlich ist dieser Schritt und deutet er auf einen langfristigen Strategiewechsel der USA in Lateinamerika hin?
Ulrich Brand: Es wirkt, dass es in der US-Außenpolitik eine neue Strategie gibt. In der Nationalen Sicherheitsstrategie wird mehr oder weniger seit Dezember 2025 gesagt: Lateinamerika wird wieder zum Hinterhof, also zum Einflussgebiet. Vor allem aus lateinamerikanischer Sicht ist das ein Schock. Ein Schock, dass eine US-Regierung wieder so offen aggressiv agiert. Lateinamerika hat ein paar Jahrzehnte politisch nicht so eine große Rolle gespielt. Wirtschaftlich war es immer wichtig, wenn wir an Rohstoffe denken, an Industrie, vor allem in Mexiko, die Maquiladoras oder anderes.
Es ist eine neue Qualität, weil es der erste derart offene Schritt seit etwa 35 Jahren ist, seit der Verhaftung von Manuel Noriega. Damals hat die USA in Panama interveniert, um ihn festzunehmen und ihm den Prozess zu machen. Nach der Entführung von Maduro gibt es auch ein bisschen Erleichterung, dass es keinen zweiten Militärschlag gibt, keine weitere Eskalation und keinen Bürgerkrieg.
Ich denke, die USA hält sich alle Optionen offen. In der Nationalen Sicherheitsstrategie ist wieder klar, dass Lateinamerika politisch Priorität hat. Ökonomisch war das immer wichtig. Aber wir müssen das in einer größeren geopolitischen Konstellation sehen. Das eine ist, dass sich die USA in einem Kalten Krieg gegen China sieht. Zweitens geht es in dem, was wir als Geoökonomisierung bezeichnen, um die Stabilisierung des Rohstoffzugangs. Es ist nicht nur Öl, in Venezuela liegen viele andere Mineralien. Und es ist auch ein Versuch, Lieferketten zu stabilisieren. Es geht um die eine direktere Kontrolle über Infrastrukturen und Lieferwege, wenn wir an Öl denken.
Es geht um Rohstoffe, Investitionsströme und die Weltdominanz des US-Dollar
Kontrast: Heißt das, dass die USA zur Durchsetzung dieser Strategie wieder stärker auf direkte Interventionen setzt?
Ulrich Brand: Die USA haben ein Potpourri. Sie werden nicht ohne Not militärisch intervenieren, das ist viel zu aufwendig. Ich glaube etwa nicht, dass sie nach Kolumbien gehen, da sind Wahlen am 31. Mai, und es ist denkbar, dass ein US-genehmer Präsident kommt. Viele Regierungen sind schon rechts in Lateinamerika, Chile mit Kast, Argentinien mit Milei, Noboa in Ecuador. An Brasilien würden sich die USA nicht herantrauen. Sie werden eher schauen, dass rechte Regierungen Wahlen gewinnen und das unterstützen. Aber sie erweitern das Handlungsrepertoire. Es gibt das große Signal: Wir kommen auch und holen einen Präsidenten raus. Das war vor einem halben Jahr nicht denkbar. Der klassische Interventionstyp wird wohl nicht die Regel sein, sondern eher, dass man Regime Change hinzukriegen versucht, mit welchen Mitteln auch immer. In der Nationalen Sicherheitsstrategie steht: Das ist unser Raum und wir wollen den mitgestalten.
Kontrast: Die Monroe-Doktrin wird oft als Begründung des US-Anspruchs auf Einfluss in Lateinamerika gelesen. Wie hat sich dieses Selbstverständnis historisch herausgebildet?
Ulrich Brand: Ich habe eine Perspektive auf die Monroe-Doktrin, die anders ist als die gängige Erzählung. Es wird schnell gesagt, im Dezember 1823 unter Präsident Monroe hätten die USA den Zugriff auf Lateinamerika postuliert. Ich würde das anders sehen. Die USA sind 1776 unabhängig geworden. Die lateinamerikanischen Staaten wurden in den 1810er Jahren unabhängig, Brasilien 1822. Die USA haben dafür plädiert: Diese neuen Staaten sollen souverän bleiben. Das ist eher ein Insistieren auf Nicht-Einmischung. Die USA wollten diese Unabhängigkeit unterstützen. In den 1820er Jahren hat sich mit Großbritannien erst das herausgebildet, was wir später Pax Britannica genannt haben. Ich würde das eher als defensiven Ausgangspunkt sehen. Das hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufstieg der USA stark geändert. Und die Monroe-Doktrin wurde vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer eher interventionistischen Doktrin. Da waren die USA die stärkste Weltmacht. In der Konstellation des Kalten Krieges wurde das, was 1823 als Schutzmaßnahme gegen Intervention formuliert war, interventionistisch gewendet. Deshalb ist der Verweis auf die Monroe-Doktrin oft zu einfach und geschichtsvergessen. Die USA waren in den 1820er Jahren ein schwaches Land, überhaupt keine Weltmacht.
US-Interventionen gegen linke Bewegungen begannen in den 50ern
Kontrast: Oft wird der Putsch gegen Jacobo Árbenz in Guatemala 1954 als Wendepunkt gesehen, später dann Kuba 1959. Was hat sich in dieser Phase in der US-Politik gegenüber Lateinamerika verändert?
Ulrich Brand: In den 1950er und 1960er Jahren gab es starke linke Bewegungen in Lateinamerika. Kuba war wichtig, aber es war viel breiter. Der Putsch gegen Jacobo Árbenz, der seit 1951 ein progressiver, linksnationalistischer Präsident war, richtete sich gegen zwei zentrale Vorhaben seiner Regierung: eine Landreform und die Stärkung der Gewerkschaften. Árbenz hat gesagt, wenn wir hier schon internationale Unternehmen haben, dann sollen es auch gute Arbeitsrechte geben. Das hat der United Fruit Company (heute Chiquita) nicht gepasst. Der US-Geheimdienst CIA hat von Anfang an destabilisiert, und das wurde dann zum Modus.
Man darf nicht vergessen, dieser Modus ist bereits ein Jahr zuvor angewendet worden, gegen Mosaddegh im Iran 1953. Das war die knallharte Zeit des Kalten Krieges, Antikommunismus in den USA, McCarthy. In Lateinamerika war Guatemala ein Ausgangspunkt. Aber es war nicht nur eine internationale Konstellation. Es waren immer auch die internen Konstellationen. Atilio Borón, Politikwissenschaftler in Buenos Aires, hat betont, dass es intensive Organisierungsprozesse in den Ländern gab. Und das war die Antwort der USA. Und aus heutiger Sicht kann man das Weltereignis der kubanischen Revolution kaum unterschätzen, auch wenn es die Linke gespalten hat.

Kontrast: In dieser Zeit entstanden auch außerhalb Lateinamerikas Muster für verdeckte Interventionen, etwa in Indonesien 1965, später als „Jakarta-Methode“ diskutiert. War das ein Vorbild für Lateinamerika?
Ulrich Brand: Wahrscheinlich war das ein trauriges Vorbild. Der Begriff „Jakarta-Methode“ ist mir erst über Vincent Bevins 2020 untergekommen. In Indonesien gab es diese schrecklichen Massaker 1965/66. Es wird geschätzt, dass bis zu einer Million linke Kommunistinnen und Kommunisten ermordet wurden. Brutalität gab es später auch in Lateinamerika, in Argentinien und Chile, bei der Operation Condor. Aber ich würde nicht sagen, dass so eine Jakarta-Methode eins zu eins angewandt wurde. Die USA sind immer so weit gegangen, wie sie dachten, sie müssen gehen. Sie schauen: Was sind die konkreten Konstellationen, was sind die Interessen? In Argentinien waren die direkten Wirtschaftsinteressen der USA beim Putsch 1976 viel geringer. In Guatemala oder später in Chile ging es deutlicher auch um amerikanische Konzerninteressen.
Kontrast: Welche langfristigen politischen und gesellschaftlichen Folgen hatten diese Interventionen in Lateinamerika?
Ulrich Brand: Es ist eindeutig: eine Schwächung der Linken, der politischen und gesellschaftlichen Linken. Das waren Angriffe, Verfolgungen, Desaparecidos (Verschwindenlassen) in Argentinien, in Chile, in vielen Ländern. Und es hat den Siegeszug des Neoliberalismus begleitet. John Williamson hat das 1990 in einem berühmten Aufsatz den “Washington Consensus” genannt, also den Konsens von Weltbank, IWF und Washington: Deregulierung, Privatisierung, Schwächung von Gewerkschaften, Außenöffnung. Chile galt 1973 als Labor, mit Pinochet und den Chicago Boys. In Argentinien 1976 kann man sehen: Mit der Zerschlagung der Widerstände setzen sich neoliberale Politiken durch. Das führte zu Deindustrialisierung. Geschützte Märkte wurden geöffnet, denken wir an Argentinien: Dort ist eine Automobilproduktion unter dem Druck offener Märkte und geringer Zölle kaputt gegangen. Insgesamt ist Lateinamerika gefangen in der Abhängigkeit, Rohstoffe zu extrahieren und zu exportieren.
Kontrast: Warum kam es nach den 1990er Jahren zum Aufschwung linker Regierungen in Lateinamerika?
Ulrich Brand: Nach der Redemokratisierung gab es dort, wo Militärdiktaturen waren, erst einmal knallharte neoliberale Politiken, auch unter gewählten Präsidenten. Gleichzeitig konnte sich die Gesellschaft wieder organisieren. In den neunziger Jahren haben sich wieder linke Räume gebildet, es gab stärkere Gewerkschaften und anderes. Das war eine Voraussetzung für die Wahl von Lula 2002. Er ist dreimal vorher angetreten und hat nicht gewonnen. Die Bedingung war bereits eine neoliberale Demokratie, die das überhaupt ermöglicht hat.
In Venezuela gab es in dem Sinn keine Militärdiktatur, aber 1989 den Caracazo, einen Aufstand. Auch das hat dazu geführt, dass sich in den neunziger Jahren starke Volksbewegungen bilden. Lula kam als gewählter Präsident einer Massenbewegung, getragen von Gewerkschaften und einer Partei. Hugo Chávez (Präsident von 1999 – 2013) kam viel stärker aus dem Militär, aber er erfuhr breite Unterstützung, auch von Volksbewegungen.
Und ein vierter Punkt ist das Ende des Kalten Krieges: Die USA konnten nicht mehr so einfach mit dem Argument des “Antikommunismus” operieren.
Kontrast: Worin lag der entscheidende Unterschied zwischen dem moderateren Kurs in Brasilien und dem radikaleren in Venezuela?
Ulrich Brand: In Venezuela hat eine Chávez-Regierung sehr rasch die Verfügung über die zentrale Ressource des Wohlstands, nämlich Öl. Venezuela ist ein Ölrentenstaat. Damit konnten Umverteilungspolitiken gemacht werden, Kräfteverhältnisse waren schneller zu verändern. In Brasilien hatte die PT-Regierung mit einer unglaublich starken Agrarbourgeoisie und religiösen Kräften zu tun. Die politische Ökonomie hat so einen radikalen Bruch gar nicht zugelassen.
Und es gibt zwei Gemeinsamkeiten, die man nicht unterschätzen sollte. Die progressiven Projekte, radikal wie sozialdemokratisch, haben enorm davon profitiert, dass ab 2003 die Nachfrage und Preise für Rohstoffe explodiert sind, stark mit dem Take-off von China. Und beide Typen haben weiter am Rohstoffextraktivismus festgehalten. Als die Rohstoffrente ab 2013/14 stark abnahm, wurden die Verteilungsspielräume eingeschränkt.

Demokratisierung, Partizipation und Selbstverwaltung in Venezuela
Kontrast: In Venezuela wurde nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Chávez und dem Ölstreik oft von politischer „Radikalisierung“ gesprochen. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?
Ulrich Brand: Ich würde es gerade nicht Radikalisierung nennen. Eine Radikalisierung wäre gewesen, das ursprüngliche Programm der Demokratisierung und Partizipation weiter voranzutreiben, die Missionen, den großen Sozialprogrammen und mit der Selbstorganisation in den Barrios.
Ich würde also eher sagen, es war eine Autoritarisierung, die natürlich mit dem Putschversuch zusammenhängt. Aber Edgardo Lander, ein venezolanischer Soziologe, hat schon früher darauf hingewiesen, dass es im Chavismus neben Bottom up Tendenzen immer auch eine leninistische Strömung gab: Wir vom Staat, von oben, verändern die Gesellschaft. Die hat sich nach und nach durchgesetzt.
Ganz generell würde ich bei jeder politischen Analyse den internen Verhältnissen eine starke Rolle geben. Wir sollten immer schauen, was die internen Kräftekonstellationen und Handlungsspielräume sind. Dann kommt der Weltmarkt dazu, dann kommen externe Kräfte dazu.
Unter Präsident Hugo Chávez wurde eine Reihe sozialer Programme gestartet, die vor allem der Armutsbekämpfung und Verbesserung der sozialen Grundversorgung der Bevölkerung dienen sollten. Seit 2003 liefen unter dem Label Misiones zum Beispiel Alphabetisierungs-, Gesundheits- und Ernährungsprogramme: Die Misión Robinson machte zehntausende Erwachsene schriftkundig, Misión Barrio Adentro etablierte eine kostenlose medizinische Versorgung in den Armenvierteln (mithilfe kubanischer Ärzte) und Misión Mercal verkaufte Grundnahrungsmittel stark subventioniert an die Bevölkerung. Finanziert wurden die Misiones aus den sprudelnden Öleinnahmen des Landes; der staatliche Ölkonzern PDVSA speiste viele Projekte direkt, und Kuba entsandte Personal – so arbeiteten hunderte kubanische Ärzte in den neuen Barrios-Kliniken. Nach Regierungsangaben erzielten die Missionen beachtliche Erfolge – die Analphabetenquote Venezuelas sank binnen weniger Jahre von über 6 % auf rund 1 %. Unabhängige Stellen wie die UNESCO haben diese Zahlen allerdings nicht bestätigt, Kritiker monierten zudem ineffiziente Parallelstrukturen und politische Instrumentalisierung einiger Misiones.
Kontrast: Nach dem Tod von Hugo Chávez verschärften sich Krise, Repression und Isolation in Venezuela. Warum konnte Maduro nie eine ähnliche Legitimität wie Chávez aufbauen?
Ulrich Brand: Es kam zu einer Erschöpfung des Charismas. Der Chavismus hing natürlich ganz stark an der Figur Hugo Chávez. Dann kommt ein schwacher Nicolás Maduro. In dem Moment gehen die Rohstoffpreise runter, und ab 2013 hängt das sicherlich auch mit dem fallenden Ölpreis zusammen. Meine Hypothese ist: Das Militär, das ja schon immer stark war, sieht jetzt seine Chance der Regierung ein Angebot zu machen: Wir stützen dich gegen noch mehr Gegenleistung. Und diese enorme Ausweitung der Korruption unter Maduro, gerade im Militär, das hat sich verstärkt: Zugang zu Devisen, zu Rohstoffen, dass sie bestimmte Geschäfte abwickeln können. Der Deal war: Das Militär und damit der Autoritarismus hält mich an der Macht. Und dann kam auch die politische Delegitimierung. Es gab Versuche eines Abwahlreferendums. Das wurde verzögert, Wahlen wurden nicht mehr anerkannt.
Interessant ist eine Hypothese von Hans-Jürgen Burchardt, einem Venezuela Spezialisten: Maduro wurde jetzt vielleicht auch deshalb geopfert, weil er jüngst versucht hat, das Militär zu schwächen und den Polizeiapparat und andere Sicherheitsapparate auszubauen. Das müssen wir noch belegen in den nächsten Wochen, aber es ist eine interessante Hypothese.
Als Teil seiner „Bolivarischen Revolution“ führte Chávez 2006 per Gesetz lokale Basisorganisationen ein, die Consejos Comunales (Kommunale Räte). Ein Kommunaler Rat ist die Versammlung der Bewohnerinnen eines Viertels, die alle lokalen Angelegenheiten direkt demokratisch verwaltet. In städtischen Gebieten umfasst ein Consejo Comunal typischerweise 150–200 Familien (in ländlichen entsprechend weniger); die Nachbarschaft definiert ihr Gebiet selbst und entscheidet in Versammlungen über Prioritäten und Projekte – von Infrastruktur und Wohnraum bis Kultur und Sport. Arbeitsgruppen erarbeiten Vorschläge, über die dann die Gemeinde basisdemokratisch abstimmt. Eine Besonderheit in Venezuela: Die Finanzierung der beschlossenen Projekte erfolgt direkt durch staatliche Stellen auf nationaler Ebene, vorbei an den kommunalen Verwaltungen. Dadurch fließt ein erheblicher Teil öffentlicher Gelder unmittelbar in von Bürgerinnen mitbestimmte Vorhaben – bis 2010 entstanden landesweit über 20.000 Kommunalräte, die allein im ersten Jahr ihres Bestehens rund 1 Milliarde US-Dollar an Budgetmitteln direkt erhielten. Dieses System der Kommunalen Räte galt als Kernstück der von Chávez angestrebten partizipativen Demokratie „von unten“ und stärkte die Selbstverwaltung in vielen Gemeinden Venezuelas.
Unter Niklas Maduro wurde die Selbstverwaltung zu einem loyalitätsabhängigen Instrument mit weniger Mitbestimmung und transformativem Anspruch.

Quelle: WikiCommons/Flickr
Kontrast: Nach der Entführung und dem Sturz Maduros stellt sich die Frage: War das US-Eingreifen die einzige Möglichkeit, ihn von der Macht zu bringen?
Ulrich Brand: Das ist eine ganz schwierige Frage, die müssen wir, glaube ich, in einem halben Jahr beantworten. Die Frage ist, wann die Anti-Maduro-Kräfte im Chavismus und im Militär so stark gewesen wären, um Maduro zu stürzen? Ich glaube, eine Oppositionsmachtübernahme hätte zu mehr Gewalt geführt. Die Gefahr eines Bürgerkriegs wäre stark gewesen, weil ja immer noch ein Drittel der Bevölkerung zumindest chavistisch ist.
Kontrast: Wie wird die Intervention in Lateinamerika wahrgenommen, vor allem von progressiven Regierungen?
Ulrich Brand: Die progressiven Regierungen sind gegen diese Intervention und zwar nicht, weil sie für Maduro sind. Petro und Sheinbaum haben Maduro dauernd kritisiert und zwar zurecht. Aber das geht ja gar nicht, dass die USA dieses Repertoire so ausweitet. Die Bevölkerung insgesamt ist sehr ablehnend gegen die Intervention, daneben gibt es durchaus Erleichterung, gerade bei Exil-Venezolanerinnen und Exil-Venezolanern, dass sich überhaupt etwas tut.
Das Schweigen der EU gegen die Intervention in Venezuela war ein Fehler
Kontrast: Und Europa? Viele Regierungen haben lange geschwiegen.
Ulrich Brand: Dass die EU oder auch EU-Staaten sich nicht kritisch gegen die Intervention geäußert haben, halte ich für einen Fehler. Politisch ist es eine vergebene Chance. Es zeigte sicheine Schoßhundpolitik der USA.
Kontrast: Was bedeutet diese Intervention für die internationale Ordnung, auch mit Blick auf China und Russland?
Ulrich Brand: Die USA zeigen, dass es eine machtbasierte internationale Ordnung gibt, keine regelbasierte mehr. Ich glaube, das haben jetzt alle kapiert. Mit der Nationalen Sicherheitsstrategie von letztem Dezember ist eindeutig, dass Einflusssphären abgesteckt werden.
Kontrast: Viele deuten das als Rückkehr zum Großmachtdenken. Reicht diese Perspektive?
Ulrich Brand: Wir sollten nicht den Fehler machen, nur auf die Machtinteressen der Großmächte zu achten. Wir haben weiter einen kapitalistischen Weltmarkt. US-Konzernen sind internationale Konzerne. Es gibt Lieferketten, den Zugang zu Rohstoffen und die Notwendigkeit von Infrastruktur. Das ist komplizierter als ein Schachspiel.
“Kapitalismus am Limit” – die Ökoimperialen Spannungen erreichen den Norden
Kontrast: Sie sagen, man dürfe nicht nur auf Großmachtpolitik schauen. In Ihrem Buch sprechen Sie von „ökoimperialen Spannungen“. Was verstehen Sie darunter?
Ulrich Brand: Das Buch heißt „Kapitalismus am Limit“. Wir argumentieren, dass der Kapitalismus nicht zusammenbricht, sondern autoritärer und konfliktreicher wird, weil die Klimakrise auch im Norden angekommen ist und der Zugriff auf Rohstoffe umkämpfter wird. Das wird zu einem Strukturmoment internationaler Politik. Es geht um die Umkämpftheit von Rohstoffen, um die Frage, wer noch wie viel Treibhausgase emittieren darf, und wer für Reparaturen nach großen Katastrophen aufkommt. Stichwort Pakistan 2022/23: Ein Drittel des Landes stand unter Wasser. Wer bezahlt die Reparaturen?
Kontrast: Und was bedeutet das konkret für Lateinamerika?
Ulrich Brand: Die Gesellschaften sind tief im Rohstoffextraktivismus verankert, das ist ein ganzes Gesellschaftsmodell. Daran hängen Klassenstrukturen, Staatseinnahmen, Fortschrittsvorstellungen. Der Satz „Venezuela ist von Gott gesegnet mit Öl“ ist tief verankert. Und wir müssen genauer schauen: Die imperialen Angriffe der USA auf Lateinamerika müssen kritisiert werden. Und es muss kritisiert werden, dass das mit dem Interesse an Rohstoffen zu tun hat. Rohstoffe sind nicht automatisch für das Gute in den nationalen Gesellschaften, sondern haben stark mit globalen imperialen Verhältnissen zu tun.
Mit Markus Wissen hat er u.a. das Buch „Kapitalismus am Limit. Öko-imperiale Spannungen, umkämpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven“ geschrieben.



































