Der „Streisand-Effekt“ beschreibt ein Phänomen, bei dem der Versuch, Informationen zu unterdrücken oder zu löschen, erst recht für Aufmerksamkeit sorgt. Dadurch verbreiten sich die Inhalte oft stärker als zuvor. Menschen, Organisationen oder Firmen versuchen manchmal Informationen von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Es wird etwa Druck auf Medien ausgeübt, über einen Sachverhalt nicht zu berichten. Das bewirkt aber oft erst recht das Gegenteil. Im schlimmsten Fall erreicht man durch sein Agieren besonders viel Aufmerksamkeit und damit das Gegenteil von dem, was man beabsichtigt hat.
Entstehung des Begriffs: Was hat Barbra mit dem Streisand-Effekt zu tun?
Der Fotograf Kenneth Adelman macht Luftaufnahmen von der Küste Kaliforniens und veröffentlicht sie im Rahmen des California Coastal Records Project. Darunter ist auch ein Foto vom Anwesen der US-amerikanischen Sängerin, Schauspielerin und Regisseurin Barbra Streisand.
Das Bild ist auf der Webseite neben mehr als 12.000 anderen Aufnahmen zu sehen. Streisand sieht sich dadurch in ihrer Privatsphäre verletzt und klagt 2003 den Fotografen sowie weitere Beteiligte, darunter das Unternehmen Pictopia, auf 50 Millionen US-Dollar. Sie wollte verhindern, dass das Foto ihres Anwesens weiter verbreitet wird.
Die Bezeichnung „Streisand-Effekt“ entstand erst zwei Jahre später. 2005 verwendete der Techdirt-Gründer Mike Masnick den Begriff für Fälle, in denen der Versuch, Informationen zu unterdrücken, erst recht für deren Verbreitung sorgt.
Die Klage führte zu öffentlichem Interesse
Ihre Klage scheiterte. Adelman argumentierte, dass die Luftaufnahmen dazu dienten, die Küstenerosion zu dokumentieren. Streisand bekam also keine 50 Millionen Dollar. Stattdessen sorgte die Klage dafür, dass das zuvor kaum beachtete Foto große Aufmerksamkeit erhielt.
Vor der Klage war die Aufnahme nur sechsmal heruntergeladen worden, zweimal davon von Streisands Anwälten. Im Monat nach Bekanntwerden des Rechtsstreits wurde die Webseite mit dem Foto mehr als 420.000 Mal aufgerufen.
Die Medien berichteten über den Fall und das Foto verbreitete sich im Internet immer weiter. Genau dieser gegenteilige Effekt machte den Fall später zum bekanntesten Beispiel für den Streisand-Effekt.
Rene Benko holte den Streisand-Effekt nach Österreich
2018 tappte auch der österreichische Unternehmer und Signa-Gründer René Benko in die Streisand-Falle. Damals zählte er zu den bekanntesten Immobilieninvestoren Österreichs und sorgte mit milliardenschweren Geschäften regelmäßig für Schlagzeilen. In Medienberichten über Benko wurde dabei auch eine frühere Verurteilung erwähnt.
Bereits 2012 war Benko wegen versuchter verbotener Intervention zu zwölf Monaten bedingter Haft verurteilt worden. Der Oberste Gerichtshof bestätigte das Urteil 2014. Heute hat diese Geschichte eine weitere Dimension: Nach dem Zusammenbruch der Signa-Gruppe folgten mehrere Strafverfahren gegen Benko. Im Juli 2026 bestätigte der Oberste Gerichtshof einen Schuldspruch wegen betrügerischer Krida und eine zweijährige Haftstrafe.
Benko klagt den Spiegel
2018 berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel über Benkos geplanten Einstieg in den österreichischen Zeitungsmarkt und erwähnte dabei auch seine frühere Verurteilung. Benkos Anwälte verlangten daraufhin, diese Passage zu löschen.
Doch damit erreichten sie das Gegenteil. Der Spiegel entfernte die Information nicht, sondern widmete dem Vorgang einen eigenen ausführlichen Artikel. Schon dessen Titel machte die ursprünglich beanstandete Information noch sichtbarer: „Benko will Medien verbieten, über seine Verurteilung zu schreiben“.
Damit setzte genau jener Mechanismus ein, der den Streisand-Effekt ausmacht: Der Versuch, eine Information aus der Öffentlichkeit zu bekommen, sorgte für zusätzliche Berichterstattung und Aufmerksamkeit.
„Er hat Geld und kann uns in Grund und Boden klagen!“
Im neuen Artikel berichtete der Spiegel ausführlicher über Benkos frühere Verurteilung. Außerdem zitierte das Magazin österreichische Journalisten, die von juristischem Druck berichteten.
Zumindest in Österreich sei er damit erfolgreich, sagt ein anderer Redakteur. „Er hat Geld und kann uns in Grund und Boden klagen. Die meisten Redaktionen scheuen daher die Auseinandersetzung.“
Auch in sozialen Medien wurde nun über den Spiegel-Artikel und Benkos Vorgehen diskutiert. Eine Information, die ursprünglich aus einem Medienbericht verschwinden sollte, erhielt dadurch noch größere Öffentlichkeit. Der Fall wurde damit zu einem österreichischen Beispiel für den Streisand-Effekt.
Strache wollte seine Verbindungen zu gewaltbereiten Rechtsextremen vertuschen
2018 kursierte im Internet ein Foto, das den damaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache beim gemeinsamen Biertrinken mit Mitgliedern der rechtsextremen Identitären Bewegung zeigte. Veröffentlicht hatte es der PR-Berater Rudi Fußi. Strache bestritt zunächst die Echtheit des Bildes und bezeichnete es als Fälschung.
Daraufhin ging Strache gerichtlich gegen Fußi vor. Während des Verfahrens legte dessen Anwältin jedoch weitere Fotos desselben Abends vor. Strache räumte schließlich ein, dass die Aufnahme echt war.
Damit trat erneut der Streisand-Effekt ein: Der Versuch, das Foto aus der öffentlichen Debatte zu bekommen, sorgte erst recht für zusätzliche Berichterstattung über Straches Kontakte zu Identitären.
Hier der ganze Fall im Überblick.
Erdoğan und das „extra 3“-Video
Ein weiteres Beispiel für den Streisand-Effekt lieferte 2016 der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Das NDR-Satiremagazin „extra 3“ veröffentlichte am 17. März den Song „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ zur Melodie von „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“. Darin kritisierte die Sendung unter anderem Erdoğans Umgang mit Pressefreiheit und politischen Gegnern.
Die türkische Regierung bestellte daraufhin den deutschen Botschafter ins Außenministerium ein und forderte die Löschung des Videos. Damit erreichte sie das Gegenteil: Bis dahin war der Song auf rund 50.000 YouTube-Aufrufe gekommen. Nachdem die Einbestellung des Botschafters öffentlich wurde, stieg die Zahl auf mehr als 4,5 Millionen Aufrufe.
Böhmermann und sein Schmähgedicht
Die Affäre weitete sich kurz darauf aus. Als Reaktion auf den Streit griff Jan Böhmermann das Thema am 31. März 2016 in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ auf. Er trug ein bewusst beleidigendes Gedicht über Erdoğan vor und wollte damit die Grenze zwischen erlaubter Satire und verbotener Schmähkritik demonstrieren.
Erdoğan ging anschließend juristisch gegen Böhmermann vor. Im Zivilverfahren entschied das Landgericht Hamburg 2017, dass Böhmermann 18 von 24 Zeilen des Gedichts nicht wiederholen darf. Das Oberlandesgericht Hamburg bestätigte diese Entscheidung 2018. Damit blieben drei Viertel des Gedichts verboten.
Doch auch hier führte der Versuch, die Verbreitung einzuschränken, zu weiterer Aufmerksamkeit. Der Rechtsstreit entwickelte sich zu einer jahrelangen öffentlichen Debatte über Satire, Meinungsfreiheit und die Grenzen persönlicher Herabsetzung.
Tom Cruise, Scientology und der Streisand Effekt
Ein weiteres internationales Beispiel für den Streisand-Effekt entstand 2008 rund um ein internes Scientology-Video mit Tom Cruise. Darin sprach der Schauspieler ausführlich über Scientology und die besondere Rolle, die er der Organisation zuschrieb. Nachdem Ausschnitte des Videos im Internet auftauchten, versuchte Scientology, deren Verbreitung zu stoppen und ließ unter anderem Kopien auf YouTube entfernen.
Das Scientology-Video mit Tom Cruise löste 2008 einen internationalen Streit aus und wurde zu einem Beispiel für den Streisand-Effekt.
Damit erreichte die Organisation jedoch das Gegenteil. Das Vorgehen gegen das Video wurde zum Auslöser für „Project Chanology“, eine Kampagne des Internetkollektivs Anonymous gegen Scientology. Zunächst gehörten dazu unter anderem Angriffe auf Scientology-Webseiten. Ab Februar 2008 verlagerte sich der Protest zunehmend auf die Straße: In zahlreichen Städten weltweit fanden Demonstrationen vor Scientology-Einrichtungen statt.
Aus dem Versuch, ein unerwünschtes Video aus dem Internet zu entfernen, entwickelte sich damit eine internationale Protestbewegung und ein weiteres Beispiel für den Streisand-Effekt.
Weiterlesen:
Das Geschäft mit der Wahrheit: Wie Medien gesteuert werden. Noam Chomsky & Edward S. Herman
Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.


































