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Risikogruppe Arbeiterklasse: Corona trifft schlecht Bezahlte öfter – und schwer

Risikogruppe Arbeiterklasse: Corona trifft schlecht Bezahlte öfter – und schwer

Kontrast Redaktion Kontrast Redaktion
in Politik
Lesezeit:5 Minuten
1. Dezember 2020
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Wer arm ist, erkrankt leichter an Corona und stirbt wahrscheinlicher daran. Platzmangel und die Arbeit in schlecht bezahlten, aber systemrelevanten Berufen sind der Grund dafür. Gute Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung sind daher wesentlich in der Pandemie-Bekämpfung.

Dieser Tage sorgte die Meldung für Aufsehen, dass 60 Prozent der Intensivpatienten in der Klinik Ottakring in Wien Migrationshintergrund haben. Sogar der Sprecher des Bundeskanzlers hat das Interview mit einem behandelnden Arzt geteilt. Unterschwellig wird Migranten unterstellt, den Virus zu verbreiten. Die Tiroler Tageszeitung schreibt etwa: „Man erzähle sich hinter vorgehaltener Hand“, dass es unter den Migranten „Familiencluster“ gibt. Das ist rassistisch, aber vor allem falsch.

Viel wesentlicher als die Herkunft ist der soziale Hintergrund, wenn es um Corona geht. Pauschal lässt sich sagen: Der Universitätsprofessor aus Albanien wird sich unwahrscheinlicher mit Corona anstecken als der Paketzusteller aus Österreich. Und das hat sehr wenig mit der Einhaltung von Hygiene-Regeln und Familienfesten zu tun, sondern mit den Zumutungen des täglichen Lebens für Paketzusteller, Reinigungskräfte oder Supermarkt-Angestellte.

Corona breitet sich in armen Vierteln stärker aus

Je mehr Menschen sich mit Corona infizieren, desto klarer zeigen die Daten: Wer wenig Geld hat, infiziert sich eher und hat einen schwereren Krankheitsverlauf. Das deutsche Robert-Koch-Institut kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass am Anfang der Pandemie reiche Orte besonders stark von Corona betroffen waren. Begonnen hat alles mit Ski-Urlauben und Geschäftsreisen – bei Menschen mit hohen Einkommen. Doch schon bald zogen die Corona-Infektionen aus den wohlhabenden Gegenden in die armen Viertel Deutschlands.

Die Forscher gehen davon aus, dass das Virus durch Personen mit höherem Einkommen ins Land kam, sich aber im Land vor allem dort ausbreitete, wo die Menschen wenig Geld haben.

Wenig Geld – schwerer Krankheitsverlauf

Will man wissen, wie Corona sich in Österreich verbreitet und wen es besonders trifft, muss man einzelne Hinweise zusammentragen. Systematische Daten gibt es keine. So hat etwa die österreichische Schulstudie herausgefunden, dass Kinder in Schulen mit sehr hoher sozialer Benachteiligung deutlich öfter Corona-positiv sind (0,81 Prozent Prävalenz) als Kinder in wenig oder kaum benachteiligten Schulen (0,23 Prozent) – 3,5 Mal öfter waren Kinder in armen Schulen Corona-positiv als in anderen, und das unabhängig von der Klassengröße.

Sonst gibt es in Österreich wenig verlässliche Daten zu den Berufen, dem Einkommen oder der Herkunft der Covid-Patienten. Weder für die, die zu Hause sind, noch in den Krankenhäusern. In anderen Ländern gibt es eine  wesentlich bessere Datenlage zur Frage, welche Rolle Beruf und Einkommen bei Corona-Infektionen spielen. Und all diese Daten zeigen in die gleiche Richtung:

Wenig Geld und prekäre Lebensbedingungen sind ein ähnlich hoher Risikofaktor wie das Alter.

Platzmangel und kein Homeoffice: die Gründe, warum Arme öfter betroffen sind

In Frankreich zum Beispiel zeigen die Daten der Gesundheitsagentur Inserm, dass sich Menschen doppelt so oft (2,5 Mal) mit Corona infizieren, wenn sie zu Hause weniger als 18 Quadratmeter pro Person zur Verfügung haben. Der wenige Platz ist ein Indikator einer schlechten finanziellen Situation und von Berufen, die nicht im Homeoffice erledigt werden können. Gerade Menschen in systemrelevanten Berufen wie Altenpflege, öffentliche Verkehrsmittel oder Supermarkt haben sehr häufig kleine Wohnungen – sie müssen aber jeden Tag raus arbeiten und sind einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Wer sich beruflich am schlechtesten schützen kann, kann zuhause auch seine Familienmitglieder nur schwer vor eine Ansteckung bewahren.

Von diesen Menschen mussten einer AK-Erhebung zufolge in Österreich über die Hälfte ganz normal vor Ort weiter arbeiten. Über ein Drittel von ihnen musste zur Arbeit, obwohl sie eine Ansteckung befürchteten – und sie fühlten sich schlecht geschützt. Ebenfalls fast ein Drittel musste Überstunden machen und jeder Vierte wollte sich Urlaub nehmen, durfte aber nicht.

Zum Vergleich: Bei nicht systemrelevanten Arbeitnehmern mussten nur 10 Prozent trotz Lockdown ganz normal zur Arbeit erscheinen und nur 13 Prozent Überstunden leisten. Den Urlaub nicht genehmigt bekamen nur 5 Prozent.

Bewegungsdaten von Handys aus den USA zeigen, dass der Lockdown vor allem in Viertel der Reichen und der Mittelklasse die Straßen leerte . In ärmeren Viertel gab es mit Abstand die meiste Bewegung, weil die Leute weiter in die Arbeit mussten. Aus deutschen Städten weiß man ebenfalls, dass es die meisten Infektionen in Gegenden mit wenig Geld gab.

Höchste Covid-Sterberate unter Hilfsarbeitern

Von zu Hause aus arbeiten können in Österreich vor allem Akademiker (zu 60 Prozent) und zumindest jeder Zweite mit Matura. Dem gegenüber kann nur jeder Vierte mit abgeschlossener Lehre zu Hause bleiben und überhaupt nur jeder Siebte Arbeitnehmer mit Pflichtschulabschluss. Wer da häufiger erkrankt, liegt auf der Hand.

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch nach Einkommen: Wer weniger als 1.350 Euro netto verdient, kann nur zu 21 Prozent im Homeoffice arbeiten. Wer über 2.700 Euro netto verdient zu fast 60 Prozent.

Anders als in Österreich wird in Großbritannien am Totenschein der Beruf vermerkt: Am höchsten unter allen Berufen war die Sterberate bei den britischen Hilfsarbeitern – bei Männern auf Baustellen oder in der Reinigung, bei den Frauen in der Pflege. Das Problem liegt allerdings nicht alleine am körperlichen Kontakt in der Arbeit, dem die Arbeiterklasse trotz Corona-Gefahr ausgesetzt ist. Es liegt auch an der körperlichen Verfassung, die anfälliger für Viren ist.

There was never any lockdown. There was just middle-class people hiding while working-class people brought them things.

— JJ Charlesworth (@jjcharlesworth_) October 14, 2020

Warum ist Gesundheit ungleich verteilt?

Die schlechtere Gesundheit liegt an ihren Berufen, ihren Wohnverhältnissen und daran, dass ärmere Leute oft ungesünder leben. Sie haben wenig Geld, um sich gesundes Essen zu kaufen. Ihr Body-Mass-Index ist oft höher und sie haben häufiger Diabetes und andere Vorerkrankungen. Doch das größte Risiko von allen ist der Stress. „Leute mit wenig Geld haben ein unglaublich stressiges Leben. Sie müssen von früh bis spät ihren knappen, prekären Alltag organisieren, haben wenig Zeit für Entspannung“, sagt Martin Schenk von der österreichischen Armutskonferenz.

Ein Mensch mit unsicherem Job und finanziellen Sorgen ist konstant im Überlebensmodus – und damit unter Dauerstress. Das hat evolutionsbiologische Gründe: In der Not wird der Fluchtimpuls aktiviert und der Puls beschleunigt. Kurz ist das nicht schlimm, aber ist man über Jahre diesem Stress ums existenzielle Überleben ausgesetzt, macht sich der Körper nach und nach selbst kaputt. Lebt man ständig prekär, knapp am Existenzminimum, ist das Immunsystem schwächer und der Körper für Viren sehr anfällig. Und die Viruserkrankung schlägt häufiger und härter zu.

Das heißt: Selbst wenn diese Menschen die gleichen Hygiene-Regeln einhalten wie die Wohlhabenden, werden sie öfter angesteckt und schwerer krank. Über Abstands- und Hygieneregeln Bescheid zu wissen, ist nicht der zentrale Punkt. Entscheidend sind niedrige Einkommen, unsichere Jobs und Zukunftsängste.

„Die soziale Komponente muss Teil der Pandemiebekämpfung werden“, sagt der Mediziner Nico Dragano in der Zeit. Denn so wie breit thematisiert wird, dass der Virus die Ältesten besonders schwer trifft, so könnte auch zum Thema werden, dass ärmere Menschen eine Risikogruppe sind. Wie gut eine Corona-Infektion überwunden werden kann, ist auch eine Frage des Geldes. Aus den USA weiß man, dass die schwarze Bevölkerung doppelt so oft an Corona stirbt wie die weiße – auch das ist eine Frage von finanzieller und sozialer Unsicherheit.

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Axel
Axel
11. Dezember 2020 18:10

Super, dass irgendwer in der Sozialdemokratie noch weiß, was die ArbeiterInnenklasse ist und diesen Begriff sogar verwendet. Gendern wäre schön gewesen.

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rudi
rudi
3. Dezember 2020 09:36

DANKE(1.12.2020)
DANKE ❤️ an alle Menschen, die sich im Gesundheitsbereich gerade den Arsch aufreißen und Leben retten.
Während #Kurz, #Kogler und ihre Minister_innen von sinnloser Pressekonferenz zu sinnloser Pressekonferenz tingeln oder über #Skifahren, #Sonntagsöffnung und #Onlineshopping diskutieren.

3
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Wolfgang Erbe
Wolfgang Erbe
Reply to  rudi
20. Dezember 2020 20:47

Danke für alle die jetzt an die arbeitenden Menschen denken, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, aber es darf doch nicht bei freundlichen Worten und Appellen bleiben. Warum nicht eine Krankenschwester als Gesundheitsministerin? Eine Obdachlose als Arbeits-, Wohnungs- und Sozialministerin? Eine Schwerbehinderte als Kriegsministerin und einen durch die Coronakrise in Insolvenz gegangene Selbstständige als Finanz- und Wirtschaftsministerin?

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Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, kritisiert in einer Videobotschaft die massiv gestiegenen globalen Militärausgaben. Diese belaufen sich mittlerweile auf 2,7 Billionen US-Dollar – das ist 13-mal so viel wie die weltweiten Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit. Die Vereinten Nationen verweisen dabei auf einen aktuellen Bericht: Weniger als vier Prozent der weltweiten Militärausgaben – rund 93 Milliarden Dollar pro Jahr – wären ausreichend, um den Welthunger bis 2030 zu beenden. Der Bericht zeigt auch die wirtschaftlichen Effekte unterschiedlicher Investitionen: Während eine Milliarde Dollar für Militär 11.200 Arbeitsplätze schafft, entstehen mit derselben Summe 26.700 Jobs im Bildungsbereich, 17.200 im Gesundheitswesen oder 16.800 im Bereich erneuerbare Energien. „Es ist offensichtlich, dass die Welt über die Ressourcen verfügt, um Leben zu verbessern, den Planeten zu schützen und eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit zu sichern“, argumentiert Guterres. Sein Appell an politische Entscheidungsträger:innen für das Jahr 2026: „Entscheidet euch für Menschen und den Planeten – nicht für Schmerz.“ Zitat: Eine sicherere Welt beginnt damit, mehr Geld in den Kampf gegen Armut zu investieren anstatt in Kriege. Antonio Guterres

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Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, kritisiert in einer Videobotschaft die massiv gestiegenen globalen Militärausgaben. Diese belaufen sich mittlerweile auf 2,7 Billionen US-Dollar – das ist 13-mal so viel wie die weltweiten Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit. Die Vereinten Nationen verweisen dabei auf einen aktuellen Bericht: Weniger als vier Prozent der weltweiten Militärausgaben – rund 93 Milliarden Dollar pro Jahr – wären ausreichend, um den Welthunger bis 2030 zu beenden. Der Bericht zeigt auch die wirtschaftlichen Effekte unterschiedlicher Investitionen: Während eine Milliarde Dollar für Militär 11.200 Arbeitsplätze schafft, entstehen mit derselben Summe 26.700 Jobs im Bildungsbereich, 17.200 im Gesundheitswesen oder 16.800 im Bereich erneuerbare Energien. „Es ist offensichtlich, dass die Welt über die Ressourcen verfügt, um Leben zu verbessern, den Planeten zu schützen und eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit zu sichern“, argumentiert Guterres. Sein Appell an politische Entscheidungsträger:innen für das Jahr 2026: „Entscheidet euch für Menschen und den Planeten – nicht für Schmerz.“ Zitat: Eine sicherere Welt beginnt damit, mehr Geld in den Kampf gegen Armut zu investieren anstatt in Kriege. Antonio Guterres
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, kritisiert in einer Videobotschaft die massiv gestiegenen globalen Militärausgaben. Diese belaufen sich mittlerweile auf 2,7 Billionen US-Dollar – das ist 13-mal so viel wie die weltweiten Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit. Die Vereinten Nationen verweisen dabei auf einen aktuellen Bericht: Weniger als vier Prozent der weltweiten Militärausgaben – rund 93 Milliarden Dollar pro Jahr – wären ausreichend, um den Welthunger bis 2030 zu beenden. Der Bericht zeigt auch die wirtschaftlichen Effekte unterschiedlicher Investitionen: Während eine Milliarde Dollar für Militär 11.200 Arbeitsplätze schafft, entstehen mit derselben Summe 26.700 Jobs im Bildungsbereich, 17.200 im Gesundheitswesen oder 16.800 im Bereich erneuerbare Energien. „Es ist offensichtlich, dass die Welt über die Ressourcen verfügt, um Leben zu verbessern, den Planeten zu schützen und eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit zu sichern“, argumentiert Guterres. Sein Appell an politische Entscheidungsträger:innen für das Jahr 2026: „Entscheidet euch für Menschen und den Planeten – nicht für Schmerz.“ Zitat: Eine sicherere Welt beginnt damit, mehr Geld in den Kampf gegen Armut zu investieren anstatt in Kriege. Antonio Guterres

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